Messeranschlag Winterthur: Jihad, Psychose und ein gefährlicher Graubereich
Der 31-jährige N. D. attackierte am Bahnhof Winterthur mehrere Passanten mit einem Messer. NZZ berichtet über das Zusammenspiel von Radikalisierung und psychischer Erkrankung.

Blutspuren auf dem Perron – und eine offene Frage nach dem Warum
Knapp drei Stunden nach dem Anschlag war die Spurensicherung am Bahnhof Winterthur abgeschlossen. Kantonspolizisten rissen die Absperrbänder herunter, SBB-Mitarbeiter schrubben einen dunklen Fleck auf dem Perron. «Es ist immer schwierig, wenn das Blut schon eingetrocknet ist», sagte ein Mitglied der Reinigungscrew.
Das Blut stammt von einem der drei Opfer des Messerangriffs vom Donnerstagmorgen. Kurz vor halb neun – mitten im Pendlerverkehr auf Gleis 3 – griff der 31-jährige türkisch-schweizerische Doppelbürger N. D. offenbar zufällig ausgewählte Passanten an. Augenzeugen schilderten der «NZZ am Sonntag» ein beängstigendes Bild: N. D. habe in einer seltsamen Mischung aus Hüpfen und Rennen den Bahnhof umkreist, mehrfach «Allahu akbar» gerufen, bis er schliesslich verhaftet werden konnte.
Ein altes Trauma kehrt zurück
Der Schock in der 122'000-Einwohner-Stadt sitzt tief – nicht nur wegen der Tat selbst, sondern weil sie ein altes Trauma aufbrechen lässt. Vor rund zehn Jahren hatte eine Islamistengruppe mit Dutzenden Anhängern Winterthur in Atem gehalten: Teenager, die zum IS nach Syrien reisten, Terrorpropaganda im Kampfsportkeller, Hetzreden in der Moschee. N. D. entstammt dem Kern dieser Szene. Nun wirkt es, als wäre ein Schläfer erwacht – und das mitten im Abstimmungskampf um die sogenannte 10-Millionen-Schweiz-Initiative.
Die Bundesanwaltschaft führt inzwischen ein Verfahren wegen mehrfachen versuchten Mordes und geht von einem jihadistischen Motiv aus. Doch die öffentliche Debatte dreht sich von Beginn an auch um die psychische Verfassung des Täters. N. D. beging die Tat kurz nach seiner Entlassung aus der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW). Zuvor war er der Polizei durch wirre Aussagen aufgefallen.
Psychiatrie kannte den Mann nicht
Wie die NZZ berichtet, nahm die IPW N. D. in dieser Woche zum allerersten Mal als Patienten auf. Die grösste psychiatrische Einrichtung der Region betreut jährlich mehr als 10'000 Menschen – doch den einzigen Attentäter in der Stadtgeschichte kannte man bislang nicht. Das wirft Fragen auf, denn Auffälligkeiten zeigten sich bei ihm seit Jahren.
Sein Vater sagte dem «Blick», sein Sohn sei psychisch krank. N. D. soll über sich selbst gesagt haben, er sei schizophren. Bereits vor elf Jahren schilderte er dem «Tages-Anzeiger» wirre religiöse Erweckungsgeschichten – etwa wie er mitten im Wald, bei Regen, Blitz und Donner, einen Turm bestiegen und stundenlang im Koran gelesen habe.
Das «Grauzonenzonen»-Phänomen
Ultrareligiös, psychisch krank – oder beides zugleich? Winterthur ist damit ins Zentrum einer Debatte gerückt, die Deutschland seit Jahren beschäftigt. Dort mussten Sicherheitsbehörden wiederholt auf Täter reagieren, bei denen sich ideologische Radikalisierung, persönliche Krisen und psychische Erkrankungen kaum mehr trennen lassen.
Besonders bekannt ist der Fall Aschaffenburg: Ein Asylbewerber griff 2025 in einem Zustand akuter Psychose eine Gruppe von Kita-Kindern an und tötete ein Kleinkind sowie einen Mann – obwohl er mehrfach in psychiatrischer Behandlung gewesen war. Im selben Jahr verletzte eine 39-jährige Frau, die kurz zuvor aus der Psychiatrie entlassen worden war, am Hamburger Hauptbahnhof fünfzehn Menschen teils schwer. Und bei der Amokfahrt in der Mannheimer Innenstadt handelte der Täter laut Behörden in einem «psychischen Ausnahmezustand».
BKA: «Besondere Herausforderungen»
Auf den Winterthurer Fall angesprochen, erklärte das deutsche Bundeskriminalamt (BKA), solche Attentäter stellten die Sicherheitsbehörden vor «besondere Herausforderungen». BKA-Sprecherin Sarah Steilen sagte: «Bei ihnen ist entweder im Vorfeld einer Tat kaum zu prognostizieren oder im Nachhinein auch nicht immer nachzuvollziehen, ob die Ideologie oder die psychische Erkrankung tatauslösend wirken.» Beide Faktoren könnten sich dabei gegenseitig beeinflussen.
Der Terrorismusforscher Peter Neumann bezeichnete den Winterthurer Fall als typisch für ein «Grauzonenzonen»-Phänomen: «Immer mehr Attentate lassen sich nicht mehr klassisch als Terrorismus definieren, weil sich in ihnen politische Ideen mit persönlichen Frustrationen und psychischen Vulnerabilitäten vermischen», schrieb Neumann in sozialen Netzwerken. Das erfordere «grundsätzlich neue Antworten bei Strafverfolgung und Prävention».
Schnittstellen zwischen Behörden versagen
Im konkreten Fall stellen sich Fragen zu den Abläufen zwischen Psychiatrie, Polizei und Justiz. Psychiatrische Kliniken haben keinen automatischen Zugriff auf Polizei- oder Justizinformationen. Strafbehörden erhalten medizinische Berichte erst nach Eröffnung eines Verfahrens. Es ist deshalb möglich, dass die IPW nichts von der extremistischen Vergangenheit von N. D. wusste.
Kurz vor dem Anschlag war N. D. gleich zweimal von der Polizei in die Psychiatrie gebracht worden. Zeitweilig wurde eine fürsorgerische Unterbringung angeordnet. Dennoch wurde er schliesslich entlassen – und griff wenig später am Bahnhof Winterthur zu einem Messer.
Source: NZZ