Fedpol-Chefin: Schweizer Polizei hat zu wenig Ressourcen gegen organisierte Kriminalität
Die Chefin des Bundesamts für Polizei (Fedpol) warnt, dass die Schweiz bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität massiv unterbesetzt ist. Rund 60 Fälle aus der geknackten SkyECC-Datenbank warten auf Aufklärung.

Fedpol-Chefin: Schweizer Polizei hat zu wenig Ressourcen gegen organisierte Kriminalität
Die Leiterin des Bundesamts für Polizei (Fedpol) hat eindringlich vor den Folgen mangelnder Ressourcen bei der Bekämpfung der organisierten Kriminalität gewarnt. In einem Gespräch mit der Neue Zürcher Zeitung (NZZ)-Gruppe, das am Mittwoch veröffentlicht wurde, erklärte sie, dass rund 60 Verfahren in der Schweiz auf Daten der geknackten Verschlüsselungs-App Sky ECC gestützt sind. Davon bearbeitet Fedpol selbst 15 Fälle.
Bisher wurden jedoch lediglich 20 Prozent des umfangreichen Datenmaterials ausgewertet. Die Behörde verfüge schlicht nicht über genügend Kapazitäten. Zeit arbeite gegen die Ermittler: Je älter die Informationen, desto weniger wertvoll werden sie.
Die aus den Nachrichten gewonnenen Erkenntnisse zeigen laut Fedpol-Chefin, dass die Mafia die Schweiz zweifellos infiltriert hat. Beteiligt seien Mitglieder der Balkan-Mafia, der italienischen Mafia und weiterer krimineller Gruppierungen. Diese Organisationen teilten ihre illegalen Aktivitäten akribisch untereinander auf und arbeiteten zunehmend zusammen. Die genaue Anzahl der Zellen sei unklar, doch inzwischen finde sogar Drogenproduktion im Land statt.
So konnten Ermittler anhand von über Sky ECC versendeten Bildern beobachten, wie legal angebauter Hanf in einem Labor mit synthetischen Cannabinoiden besprüht wurde. Anschliessend wurde das behandelte Produkt in grossen Mengen als THC-haltiges Cannabis exportiert.
Die aktuellen polizeilichen Ressourcen reichen nach Einschätzung der Fedpol-Chefin nicht aus, um der organisierten Kriminalität wirksam entgegenzutreten. Manchmal würden 20 bis 30 Bundes- und Kantonspolizisten über Monate an einem einzigen Fall arbeiten. Mit den vorhandenen Mitteln aller Polizeikräfte könnten in der Schweiz etwa fünf solcher Verfahren gleichzeitig geführt werden. Gemessen an der Bevölkerungszahl liege die Polizeidichte hierzulande deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.
Auch die Beweissicherung für Anklagen gestalte sich schwierig. In Toplagen gelegene Geschäfte, die fast immer leer stehen, oder Eisdielen, die im Winter denselben Umsatz wie im Sommer melden, seien typische Indizien. Die Polizei ahnere, dass etwas nicht stimme, doch ein Eingreifen sei extrem schwierig. Zwar könnten Steuerbehörden, Lebensmittelinspektorate oder Arbeitsinspektionen kontrollieren, doch oft reiche das nicht für eine Anklage.
Die organisierte Kriminalität bleibe für die Öffentlichkeit weitgehend unsichtbar. Doch das habe greifbare Folgen: Mit ihrer Ausbreitung versuchten die kriminellen Netzwerke zunehmend, die Justiz zu beeinflussen. In SkyECC-Chats hätten sich zwei Personen aus Kalabrien danach erkundigt, wie man das Schweizer Justizsystem manipulieren könne. Die Verbrecher wollten demnach auch die hiesige Rechtspflege infiltrieren.
Source: swissinfo.ch