Frankreich beantragt Auslieferung eines weiteren Kanadiers im EncroChat-Fall
Ein 38-jähriger Kanadier wurde am 9. Juli in Zug verhaftet, nachdem Frankreich ein Auslieferungsersuchen gestellt hatte. Er soll als technischer Direktor des verschlüsselten Telefondienstes EncroChat fungiert haben.

Kanadier in Zug wegen EncroChat-Verdachts in Haft
Ein 38-jähriger Kanadier sitzt seit dem 9. Juli in Untersuchungshaft in Zug, nachdem Frankreich ein Auslieferungsersuchen an die Schweiz gestellt hat. Das geht aus einem kürzlich ergangenen Schweizer Gerichtsentscheid hervor, über den The Globe and Mail berichtet. Der Mann soll in die Führung des verschlüsselten Telefondienstes EncroChat eingebunden gewesen sein, der von organisierten Verbrechergruppen in ganz Europa zur Umgehung polizeilicher Überwachung genutzt wurde.
Die französischen Behörden werfen dem Mann, der in den Gerichtsakten nur als „A" bezeichnet wird, vor, den EncroChat-Betrieb geleitet zu haben, obwohl ihm bekannt gewesen sei, dass die Geräte überwiegend zur Koordination illegaler Aktivitäten eingesetzt wurden. Laut den französischen Strafverfolgern diente EncroChat unter anderem der Abwicklung von Drogenhandel, Waffengeschäften und Geldwäsche.
Der Beschuldigte lebt dem Gerichtsentscheid zufolge seit 2019 gemeinsam mit seiner Schweizer Ehefrau und dem gemeinsamen Kind in Zug. Die Angaben im auf Deutsch verfassten Urteil vom 14. August decken sich mit den bekannten Daten des Kanadiers Seiji Godo, der in Zug wohnhaft ist und dort ein Unternehmen betreibt, wie Handelsregisterauszüge zeigen. Die französischen Behörden haben Godo zuvor als technischen Direktor von EncroChat bezeichnet.
Sein Pariser Anwalt Thierry Marembert erklärte gegenüber The Globe and Mail, sein Mandant weise die Vorwürfe entschieden zurück und sei zuversichtlich, zu gegebener Zeit freigesprochen zu werden. Auf erneute Anfrage am Freitag teilte Marembert mit, er habe seiner früheren Stellungnahme nichts hinzuzufügen.
Fluchtgefahr: Gericht lehnt Haftentlassung ab
Der Beschuldigte beantragte eine Haftentlassung unter alternativen Auflagen, etwa Hausarrest mit elektronischer Fussfessel. Sein Zürcher Anwalt Mark Livschitz, auf Wirtschaftsstrafsachen spezialisiert, argumentierte, sein Mandant sei kein Fluchtrisiko. Das Gericht folgte dieser Einschätzung nicht: „Es besteht eine hohe Fluchtgefahr", heisst es in dem Entscheid. Begründet wird dies mit dem vergleichsweise jungen Alter des Mannes, seinen familiären Bindungen in Kanada und dem drohenden langjährigen Strafmass in Frankreich im Falle einer Verurteilung. Das Gericht wies den Rekurs vollumfänglich ab. Livschitz liess Fragen von The Globe and Mail unbeantwortet.
Zweiter Kanadier bereits in Frankreich in Haft
Sollte die Auslieferung vollzogen werden, wäre der Mann der zweite Kanadier, den Frankreich im Zusammenhang mit EncroChat in Gewahrsam brächte. Der Kanadier Paul Krusky befindet sich bereits in Frankreich in Haft. Krusky, ein zurückhaltend auftretender Technologieunternehmer aus Guelph, Ontario, lebte vor seiner Auslieferung Anfang dieses Jahres in der Dominikanischen Republik. Die französische Staatsanwaltschaft bezeichnet ihn als Generaldirektor und massgeblichen Entscheidungsträger von EncroChat und wirft ihm vor, organisierte Kriminalität durch den Dienst gefördert zu haben. Sein Anwalt Antoine Vey erklärte, Krusky bestreite die Vorwürfe, die bislang nicht gerichtlich bewiesen sind.
EncroChat: Ultragesicherte Geräte für rund 60'000 Nutzer
EncroChat vertrieb gehärtete Android-Smartphones über ein Händlernetz in Kanada und Europa zu einem Preis von rund 1'000 Euro pro Gerät. Ein Sechsmonats-Abonnement kostete zusätzlich 1'500 Euro. Die Telefone sahen äusserlich wie handelsübliche Geräte aus, verfügten jedoch über ein separates, verschlüsseltes Betriebssystem, das sich per Passwort aufrufen liess. Nachrichten zwischen EncroChat-Nutzern waren Ende-zu-Ende-verschlüsselt und konnten so eingestellt werden, dass sie sich nach einer bestimmten Zeit selbst löschten. GPS-Funktionen wurden deaktiviert, und eine sogenannte Panik-Löschfunktion ermöglichte es Nutzern, den Inhalt des Geräts durch Eingabe eines Codes vollständig zu löschen. Vor der Abschaltung zählte der Dienst rund 60'000 aktive Nutzer.
Die Gendarmerie Nationale nahm 2017 Ermittlungen gegen EncroChat auf. Bis 2020 hatten französische Behörden die Server des Unternehmens im nordfranzösischen Roubaix infiltriert. Die daraus resultierende Untersuchung führte bislang zu mehr als 6'500 Festnahmen sowie der Beschlagnahme erheblicher Mengen an Drogen und Bargeld.
Frankreich verfolgt Tech-Verantwortliche konsequent
Das Auslieferungsersuchen an die Schweiz reiht sich in eine breitere Strategie der französischen Behörden ein, Tech-Führungskräfte persönlich für illegale Aktivitäten auf ihren Plattformen haftbar zu machen. Im vergangenen Monat verhaftete die französische Polizei Pavel Durov, den russischstämmigen Milliardär und Gründer des Messengerdienstes Telegram, wegen des Verdachts der Beihilfe zu illegalen Aktivitäten auf seiner Plattform. Ausserdem klagte Frankreich laut Agence France-Presse im August 30 weitere Personen wegen ihrer Beteiligung am verschlüsselten Messengerdienst Sky ECC an, der vom Vancouverer Unternehmen Sky Global gegründet wurde und unter Drogenhändlern verbreitet war.
Seiji Godo, dem ein langer Hintergrund als auf Datenschutz und Verschlüsselung spezialisierter Technologieunternehmer zugeschrieben wird, ist laut Handelsregisterauszügen Direktor der Binary IO Solutions Inc., eines 2011 in Vancouver eingetragenen Technologieberatungsunternehmens. Auf einer archivierten Version der Firmenwebseite hiess es: „We highly value discretion and client confidentiality by providing secure communications whenever desirable." Mitdirektor der Gesellschaft ist Benjamin Haigh, der The Globe and Mail im Juli mitteilte, er sei für eine begrenzte Zeit als Webentwickler an einem Teilbereich des EncroChat-Systems beteiligt gewesen. Auf eine erneute Anfrage reagierte Haigh nicht.
Source: The Globe and Mail