Fünffachmord in Seewen: Tatwaffe gefunden, Täter verschwunden – Fall verjährt
Vor 50 Jahren wurden in einem Schweizer Dorf fünf Familienmitglieder erschossen. Der Hauptverdächtige ist spurlos verschwunden, der Fall seit 2010 endgültig geschlossen.

Fünf Kopfschüsse, keine Verurteilung: Der Mordfall Seewen bleibt ungelöst
Pfingsten 1976, ein kleines Dorf im Kanton Solothurn: Esther Siegrist wundert sich, dass ihre Eltern nicht wie verabredet nach Basel zurückgekehrt sind. Sie fährt zum Gartenhaus „Waldeggli" in Seewen – und findet ihre Mutter Elsa, 62 Jahre alt, in einen Teppich gewickelt auf der Terrasse. Im Haus und dem angrenzenden Geräteschuppen liegen vier weitere Leichen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, gilt der Fall bis heute als das schlimmste Gewaltverbrechen in der Schweizer Kriminalgeschichte.
Alle fünf Familienmitglieder waren erschossen worden – mit insgesamt 13 Schüssen, elf davon Kopfschüsse, alle aus nächster Nähe. Opfer waren Eugen Siegrist, 63 Jahre alt und Mitarbeiter des Chemieunternehmens Ciba in Basel, seine Frau Elsa, seine Schwester Anna Westhäuser sowie deren Söhne Emanuel und Max. Eine Tatwaffe fehlte, ebenso der grüne Opel Ascona von Eugen Siegrist. Gestohlen wurde sonst nichts.
Den Wagen fand die Polizei noch am selben Tag, rund 15 Kilometer entfernt, kurz vor Basel. Die Ermittler hatten damit einen der wenigen greifbaren Anhaltspunkte – und standen dennoch vor einem Rätsel.
Mehr als 9000 Spuren, keine Lösung
Schnell geriet Robert Siegrist, der 21-jährige Sohn der Familie, ins Visier der Ermittler. Er soll Streit mit seinem Vater gehabt haben. Gemeinsam mit seiner Freundin Anita wurde er kurzzeitig festgenommen – beide konnten jedoch ein Alibi vorweisen und wurden freigelassen.
Die Polizei verfolgte in den folgenden Jahren mehr als 9000 Spuren. Hatte Eugen Siegrist bei der Ciba Industriegeheimnisse weitergegeben? Spielte eine mögliche Nazi-Vergangenheit der Familie eine Rolle? Im „Waldeggli" fanden sich NS-Devotionalien; Siegrists Schwester Anna Westhäuser war mit einem deutschen Nationalsozialisten verheiratet gewesen und hatte zum Zeitpunkt ihres Todes noch immer ein Porträt Adolf Hitlers über ihrem Bett hängen. Auch ein Anschlag durch die Rote Armee Fraktion oder den DDR-Geheimdienst Stasi wurde in Betracht gezogen. Keine der Theorien ließ sich erhärten.
Die Suche nach der mutmaßlichen Tatwaffe – eine Winchester-Imitation mit gekürztem Lauf – blieb ebenfalls erfolglos. Der Fünffachmord galt über Jahrzehnte als unlösbar.
Handwerker findet Waffe hinter Küchenzeile
Erst zwanzig Jahre nach der Tat brachte ein Zufallsfund Bewegung in den Fall. Ein Handwerker entdeckte in Olten, rund 40 Autominuten von Seewen entfernt, hinter einer Küchenzeile ein Gewehr in einer Plastiktüte. Untersuchungen bestätigten: Es handelte sich um die Tatwaffe. Und sie gehörte einem Mann, der bereits 1976 zu genau dieser Waffe befragt worden war – Carl Doser, Jahrgang 1947.
Doser war einer von mehr als 3000 Personen gewesen, die im Zuge der Ermittlungen zu einer Winchester-Imitation befragt worden waren. Rund 30 von ihnen hatten keine genauen Angaben über den Verbleib ihrer Waffe machen können. Doser hatte der Polizei damals erklärt, er habe das Gewehr wegen Unbrauchbarkeit vor der Tat auf einem Flohmarkt an eine unbekannte Person verkauft. Eine direkte Verbindung zwischen ihm und den Mordopfern war seinerzeit nicht festgestellt worden.
Nun stellte sich heraus: Carl Doser war bereits ein Jahr nach den Morden spurlos verschwunden. Die Behörden schließen nicht aus, dass er 1977 als Söldner nach Südafrika ging und von dort nie zurückkehrte.
Ein möglicher unehelicher Sohn als Motiv
Robert Siegrist, der überlebende Sohn, veröffentlichte 2001 das Buch „Der Mordfall Seewen". Darin schildert er – in Übereinstimmung mit den Solothurner Behörden – eine Theorie, die das Motiv des Verbrechens erklären könnte: Carl Doser sei womöglich Eugen Siegrists unehelicher Sohn gewesen, den der Vater abgelehnt und aus seiner Familie ferngehalten habe.
Diese Hypothese stützt sich auf mehrere Indizien. Eugen Siegrist soll ein notorischer Fremdgeher gewesen sein. Siegrists Ciba-Kollegen berichteten von einem aufgeregten Telefonat, das er am Vortag der Morde geführt hatte – mit einer Person namens Claire oder Clara, obwohl vieles darauf hindeutet, dass am anderen Ende der Leitung ein Mann namens Carl war. Zudem verschwand Siegrist samstags regelmäßig für einige Stunden – Begegnungen, die im Nachhinein als mögliche Treffen mit einem unehelichen Sohn interpretiert werden.
Ob Doser tatsächlich Siegrists Sohn war und ob er aus diesem Grund handelte, konnte nie bewiesen werden.
Verfahren seit 2010 endgültig eingestellt
Der Fall ist abgeschlossen – juristisch und kriminalistisch. In der Schweiz verjähren Morde nach 30 Jahren. Die Staatsanwaltschaft Solothurn stellte das Verfahren am 1. Oktober 2010 endgültig ein. Seither wird auch international nicht mehr nach Carl Doser gefahndet.
Ein parlamentarischer Vorstoß zur Änderung der Verjährungsfristen im Strafgesetzbuch wurde abgewiesen. Der Bundesrat schrieb 2016, die strafrechtliche Verjährung beruhe „in erster Linie auf dem Recht auf Vergebung und Vergessen und auf der heilenden Wirkung des Zeitablaufs". Das Interesse des Staates an der Rechtsverfolgung erlösche mit der Zeit, das Vergeltungsbedürfnis nehme ab.
Hätte sich Carl Doser noch vor zwanzig Jahren der Polizei gestellt, wäre er straflos geblieben. Geblieben sind der Kantonspolizei Solothurn die Tatwaffe in der Asservatenkammer – und 18 Laufmeter Akten.
Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung