Pflegeheim-Prozess in Braunschweig: Bewohner sediert und eingesperrt

Vier Angeklagte stehen vor dem Landgericht Braunschweig – darunter ein Betreiber-Ehepaar, dem ein „Herrschaftsregime" in einem Harzer Pflegeheim vorgeworfen wird.

Pflegeheim-Prozess in Braunschweig: Bewohner sediert und eingesperrt

Pflegeheim in Wolfshagen: Betreiber-Ehepaar wegen Misshandlung und Betrug angeklagt

Vor dem Landgericht Braunschweig hat ein Prozess begonnen, bei dem vier ehemalige Verantwortliche eines Pflegeheims im Langelsheimer Ortsteil Wolfshagen (Landkreis Goslar) auf der Anklagebank sitzen. Wie ndr.de berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft Braunschweig dem 60 und 63 Jahre alten Betreiber-Ehepaar sowie der 51-jährigen ehemaligen Heimleiterin Misshandlung von Schutzbefohlenen, gefährliche Körperverletzung, Freiheitsberaubung in besonders schwerem Fall und gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor. Insgesamt 17 Fälle sind Gegenstand der Anklage. Eine 59-jährige frühere Pflegedienstleiterin soll Beihilfe geleistet haben.

Der Tatzeitraum erstreckt sich laut Staatsanwaltschaft von Oktober 2017 bis September 2020. In diesen Jahren sollen die Betreiber ein „umfassendes Herrschaftsregime" in dem Heim errichtet haben. Ermittler zufolge kontrollierten sie den Betrieb bis ins kleinste Detail. „Besonders lauffreudige" Bewohner sollen jahrelang mit Medikamenten ruhiggestellt und in ihren Zimmern eingesperrt worden sein – bei manchen seien schlicht die Bettgitter hochgezogen worden.

Oberstaatsanwalt Hans Christian Wolters erklärte, weder die Bewohner noch ihre Angehörigen oder die behandelnden Ärzte hätten von den missbräuchlich verabreichten Arzneimitteln gewusst. Die gesundheitlichen Risiken für die Pflegebedürftigen seien dem Betreiber-Ehepaar gleichgültig gewesen, so Wolters.

Neben der körperlichen Ruhigstellung geht es auch um mutmaßlichen Abrechnungsbetrug gegenüber den Pflegekassen. Die Heimleiterin soll Gutachtern gegenüber falsche Angaben zum Gesundheitszustand der Bewohner gemacht haben, um für diese einen höheren Pflegegrad – und damit höhere Kassenzahlungen – zu erwirken. In Einzelfällen soll sie Bewohner vor solchen Begutachtungen mit bewusstseinstrübenden Medikamenten außer Gefecht gesetzt haben.

Beschwerden über Zustände in dem Heim reichen laut Landkreis Goslar bis ins Jahr 2005 zurück. Bereits damals sollen Bewohner daran gehindert worden sein, das Heim zu verlassen oder aus eigener Entscheidung auszuziehen. Zwischenzeitlich wurde den Betreibern die Heimleitung untersagt, eine damalige Strafanzeige aber eingestellt. Erst nach erneuten Ermittlungen ab 2020 kam es zur Anklage.

Die Verteidiger der vier Angeklagten äußerten sich im Vorfeld nicht zu den Vorwürfen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Das Landgericht Braunschweig hat mehr als 50 Verhandlungstage angesetzt und will Dutzende Zeugen vernehmen. Ein Urteil wird erst im kommenden Jahr erwartet.

Source: Google News DE — Crime (de)