Mordurteil im Cold Case Seher Ö. rechtskräftig – Bundesgerichtshof weist Revision ab
Der Bundesgerichtshof hat das lebenslange Urteil gegen Hayati Ö. bestätigt. Der 58-Jährige hatte seine Ex-Frau 2000 in München erwürgt und den Tod als Suizid inszeniert.

BGH bestätigt lebenslange Haft für Ehemann, der Mord 26 Jahre lang vertuschte
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat die Revision von Hayati Ö. verworfen und damit das Urteil des Landgerichts München I rechtskräftig gemacht: lebenslange Freiheitsstrafe wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, hatte das Münchner Gericht den 58-Jährigen im Oktober 2025 schuldig gesprochen, seine damalige Ehefrau Seher Ö. am Abend des 18. Februar 2000 ermordet zu haben.
Der Fall gilt als einer der aufsehenerregendsten Cold Cases der bayerischen Kriminalgeschichte. „Einer der wichtigsten Fälle in meiner Zeit als Mordermittler", sagte der mittlerweile pensionierte Kripobeamte Helmut Eigner, der den Altfall über Jahrzehnte hinweg nie vollständig aus den Augen verloren hatte.
Zwangsheirat mit 15, Flucht nach zehn Jahren Leid
Seher Ö. war mit 15 Jahren in der Türkei mit ihrem älteren Cousin Hayati Ö. zwangsverheiratet worden. Ein Jahr später musste sie nach München ziehen, um ihm und seiner Familie zu dienen. „Wie eine Dienstmagd, wie eine Sklavin", beschrieb Richter Norbert Riedmann in seinem Urteil die Lage der jungen Frau. Sie durfte kein Deutsch lernen, die Wohnung nicht verlassen, und ihren Pass hatte man ihr abgenommen. Lediglich zu einer Nachbarin hatte sie Kontakt – jene half ihr nach zehn Jahren, in ein Frauenhaus zu fliehen.
Nach der Flucht fand Seher Ö. schnell Halt in einem neuen Leben: eine eigene Wohnung, eine Arbeitsstelle, eine neue Beziehung und das alleinige Sorgerecht für ihre vier Kinder. Als sie die Scheidung einreichte, akzeptierte Hayati Ö. das nicht. „Meine Ehre, die Ehre der Familie" – mit diesen Worten sei er durch das Viertel gelaufen, erläuterte Richter Riedmann als Motiv. Der Mord sei aus niederen Beweggründen begangen worden: „Niedriger geht es gar nicht mehr."
Die Tatnacht: Telefonkabel aus der Wand gerissen
Am Abend des 18. Februar 2000 klingelte es an der Wohnungstür von Seher Ö., die gerade mit ihrem Freund telefonierte. „Was willst du hier?", fragte sie. Eine Männerstimme antwortete – dann wurde das Telefonkabel aus der Wand gerissen. Seher Ö. wurde noch im Flur erwürgt und ins Kinderzimmer geschleift. Dort hängten die Täter ihren Leichnam mit einem Strick an einen Schrank, um einen Suizid vorzutäuschen.
23 Jahre auf freiem Fuß – dann ein entscheidendes Geständnis
Hayati Ö. war nach dem Tod seiner Frau kurzzeitig verhaftet worden, musste aber mangels ausreichender Beweise wieder freigelassen werden. Erst 2023 wandte sich ein Zeuge an Ermittler Eigner: Der Mann erklärte, Hayati Ö. habe ihm die Tat gestanden. Er habe einen Freund nicht ins Gefängnis bringen wollen und daher jahrzehntelang geschwiegen. Daraufhin wurde Hayati Ö. festgenommen.
Indizienkette überzeugte das Gericht
Die 2. Strafkammer des Landgerichts München I stützte die Verurteilung auf eine Reihe von Indizien: Drei Haare von Hayati Ö. wurden neben der Leiche seiner Ex-Frau gefunden, obwohl er behauptete, nie in ihrer Wohnung gewesen zu sein. An ihrem Körper sicherte die Spurensicherung blaue Wollfasern seiner Kleidung. Sein Alibi wurde durch Zeugenaussagen widerlegt. Zudem ließ seine Mutter unmittelbar nach dem Abend seine Kleider waschen.
Auch der Ablauf der Leichenauffindung galt dem Gericht als verdächtig: Die Mutter von Hayati Ö. hatte die Kinder am Freitagabend abgeholt. Als sie am Sonntag zur Mutter zurückgebracht werden sollten, erschienen mehrere Verwandte. Nicht die Oma brachte die Kinder wie üblich nach oben, sondern eine Freundin. Eines der Kinder wollte zunächst gar nicht mitgehen – es hatte Angst. Auf den Ruf „die Mama liegt tot im Zimmer" blieben alle Erwachsenen unten stehen. Hayati Ö. sagte seinen Kindern in jenem Moment lediglich: „Jetzt seid ihr ganz allein."
Möglicher Mittäter noch nicht identifiziert
Während des gesamten Prozesses schwieg Hayati Ö. zu den Vorwürfen – und auch zu einem möglichen Komplizen. Die Schwurgerichtskammer ging davon aus, dass ein zweiter Mann Seher Ö. würgte, während ihr Ehemann sie festhielt oder fesselte. Dieser mutmaßliche Mittäter ist bis heute nicht ermittelt.
„Endgültig ist der Fall also nicht geklärt", sagte Helmut Eigner. Die Suche nach dem zweiten Tatbeteiligten liegt nun bei seinen Kollegen.
Source: Süddeutsche Zeitung