Sky ECC: Über 2.000 Ermittlungsverfahren nach dem Hack des Krypto-Messengers
Das BKA leitete in Deutschland 2.112 Verfahren ein, nachdem Europol die verschlüsselte App Sky ECC knackte. Datenschützer sprechen von der größten Massenüberwachung der Geschichte.

Europol knackt Krypto-Messenger – BKA vollstreckt 585 Haftbefehle
Als Zollfahnder im Februar 2021 im Hamburger Hafen Schiffscontainer öffneten, fanden sie 16 Tonnen Kokain – versteckt in Kanistern mit Spachtelmasse. Es war die bis dahin größte in Europa sichergestellte Drogenmenge mit einem geschätzten Straßenverkaufswert von über zwei Milliarden Euro.
Möglich wurde der Schlag gegen das Schmugglernetzwerk durch einen beispiellosen Ermittlungserfolg: Fahnder der europäischen Polizeibehörde Europol hatten zuvor die Kommunikation der Täter abgehört. Die Schmuggler nutzten Sky ECC, einen stark verschlüsselten Krypto-Messenger, der unter Kriminellen weltweit als abhörsicher galt.
Wie ZDFheute berichtet, liegen der ZDF-Sendung frontal Tausende Dokumente aus den sogenannten Sky ECC-Files vor – Chats und Fotos, die sich die Kriminellen untereinander schickten. Darin finden sich Nachrichten wie: „Was ist los, haben wir den Jackpot geknackt, hahahahaha. Wenn das klappen sollte, bekommen wir 4 Million." Ein anderer Teilnehmer des Chats schrieb: „Das ist schon Champions League."
„WhatsApp für Kriminelle"
Zora Hauser, Mafia-Expertin an der Universität Cambridge, ordnet die Bedeutung des Messengers ein. „Sky ECC war unglaublich wichtig für die kriminellen Märkte, um sie effizienter zu machen. Man konnte Netzwerke aufbauen, neue Kontakte finden, sein gesamtes Geschäftsmodell organisieren", sagt sie. Für die Behörden sei es eine der wichtigsten Operationen gewesen, die je stattgefunden hätten.
In Deutschland koordinierte das Bundeskriminalamt (BKA) die Ermittlungen. Bis Ende März 2025 wurden laut BKA 2.112 Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit Sky ECC eröffnet und 585 Haftbefehle vollstreckt. BKA-Ermittler Heiko Löhr sagte auf Anfrage von frontal: „Die Auswertung der Crypto-Messenger-Daten zu Sky ECC ist definitiv einer der entscheidenden Schritte, um zu verstehen, wie organisierte Kriminalität in Deutschland, aber auch im internationalen Kontext stattgefunden hat." Er ergänzte: „Wenn wir uns anschauen, was wir bisher über Sky ECC wissen, dann ist relativ klar geworden, dass dieser Kryptodienst zu nahezu nichts anderem genutzt wurde, als schwere Straftaten abzusprechen."
Europol verhinderte 114 Morde
Europol-Direktorin Catherine De Bolle schilderte, wie weit die Echtzeit-Überwachung reichte. „Die Kriminellen dachten, die Polizei würde da niemals reinkommen. Und wir sind reingekommen", sagte sie. Auf dem Balkan hätten Mafia-Clans über Sky ECC Gewaltverbrechen geplant. Da Europol live mitlesen konnte, habe man lokale Polizeibehörden rechtzeitig gewarnt. „Wir haben eine geplante Tötung in einer bestimmten Straße, zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeldet. So konnten wir 114 Morde verhindern", so De Bolle.
Datenschützer sprechen von Skandal
Für Kritiker wirft die Operation grundlegende Rechtsfragen auf. Europol speicherte nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde Nachrichten, die über Sky ECC verschickt wurden – alles, was über den Dienst kommuniziert wurde, über anderthalb Jahre hinweg.
Rechtsanwalt Christian Lödden, der Mandanten vertritt, die Sky ECC nutzten, bezeichnet das Vorgehen als Skandal. „Es gab 170.000 Telefone, der ganz überwiegende Teil in Europa, eine fünfstellige Anzahl in Deutschland. Und man hat über anderthalb Jahre sämtliche Daten mitgeschnitten. Das ist definitiv der größte Eingriff in die Privatsphäre von deutschen, europäischen und Weltbürgern", kritisiert er.
Der Erfinder des Messengers sieht sich selbst als Kämpfer für den Datenschutz.
Die frontal-Dokumentation „Geheime Chats und kriminelle Deals – Der Fall Sky ECC" läuft am Dienstag, 10. Juni, um 21 Uhr im ZDF. Die vierteilige Doku-Reihe „The Crime Messenger" ist bereits im ZDF-Streamingportal verfügbar.
Source: ZDFheute