Polizei schoss auf Zwölfjährige in Bochum – Kriminologe erklärt Muster

In Bochum wurde ein zwölfjähriges gehörloses Mädchen von Polizisten angeschossen. Kriminologe Singelnstein erklärt gegenüber zdfheute.de die eingeübten Routinen.

Polizei schoss auf Zwölfjährige in Bochum – Kriminologe erklärt Muster

Schüsse auf Zwölfjährige: Kriminologe Singelnstein erklärt polizeiliche Entscheidungsmuster

In Bochum haben Polizisten ein zwölfjähriges gehörloses Mädchen durch Schüsse aus einer Dienstwaffe lebensgefährlich verletzt, nachdem sie sich von ihr mit zwei Messern bedroht fühlten. Wie zdfheute.de berichtet, laufen die Ermittlungen noch – viele Details sind bislang nur den Behörden bekannt.

Der Fall hat bundesweit Aufsehen erregt. Kriminologe Prof. Tobias Singelnstein ordnete den Vorfall in einem Interview mit ZDFheute live ein und warnte davor, ihn bereits abschließend zu bewerten: Zu wenige Fakten seien bisher öffentlich.

Eingeübte Muster bei Messerbedrohungen

Das Grundmuster des Einsatzes sei jedoch vertraut, sagt Singelnstein. In der Ausbildung werde Polizisten vermittelt, dass ab einer Distanz von weniger als rund zehn Metern geschossen werden soll, um einen Messerangriff zu stoppen. „Das wird sehr schematisch und routiniert geschult", so Singelnstein.

In konkreten Bedrohungssituationen würden diese Routinen schnell „abgespult". Handele es sich dabei um ein Kind, müsse zwar abgewogen werden – praktisch bleibe dafür jedoch oft kaum Zeit. „Wenn sie eine Bedrohungswahrnehmung haben, dann spulen sie eher eingeübte Muster und Routinen ab", sagt der Kriminologe.

Vergleichbare Fälle in Dortmund und Oldenburg

Singelnstein verweist auf ähnliche Vorfälle: In Dortmund starb der 16-jährige Mouhamed Dramé nach einem Polizeieinsatz, in Oldenburg wurde gegen Beamte nach dem Tod von Lorenz A. Anklage erhoben. In beiden Fällen seien Polizisten fälschlicherweise von einem Messerangriff ausgegangen. Das Muster: Bei Verdacht auf ein Messer werde schnell zur Schusswaffe gegriffen – oft mit tödlichem Ausgang.

Ausbildung deckt nicht alle Einsatzlagen ab

Die dreijährige Polizeiausbildung reiche nicht aus, um allen komplexen Situationen gerecht zu werden, stellt Singelnstein fest. Besondere Einsatzlagen – etwa bei Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – würden deshalb eher oberflächlich gelehrt. „Bei Menschen in psychischen Ausnahmesituationen wird man in der polizeilichen Ausbildung noch nachsteuern müssen", sagt er.

Hinzu komme die öffentliche Debatte über Messerangriffe, die auch das Bedrohungsempfinden innerhalb der Polizei beeinflusse. Obwohl die Datenlage unklar sei, würden Messer gesellschaftlich und damit auch bei Einsatzkräften stärker als Gefahr wahrgenommen. Diese Debatte gehe „an der Polizei und den einzelnen Beamtinnen und Beamten nicht spurlos vorbei", so Singelnstein.

Schutz der Beamten versus strukturelle Fragen

Der Kriminologe betont, der Schutzbedarf der Beamten sei nachvollziehbar. Gleichzeitig müsse jedoch diskutiert werden, ob die routinemäßige Anwendung der Schusswaffe in Messersituationen der richtige Ansatz sei. Strukturelle Anpassungen in der Ausbildung hält Singelnstein für notwendig.

Das Interview führte ZDFheute-live-Moderator Philip Wortmann; zusammengefasst hat es Tim-Niklas Grimm.

Source: Google News DE — Crime (de)