Fährunglück vor Nordzypern: Kapitän und acht Crew-Mitglieder wegen fahrlässiger Tötung angeklagt

Beim Kentern der Fähre „Filo Jet" vor Nordzypern kamen mindestens acht Menschen ums Leben. Neun Verdächtige stehen vor Gericht, 18 Personen werden noch vermisst.

Fährunglück vor Nordzypern: Kapitän und acht Crew-Mitglieder wegen fahrlässiger Tötung angeklagt

Katamaran sinkt nach Rumpfbruch – Passagiere berichten von verschlossenen Türen

Mindestens acht Menschen sind beim Kentern der Fähre „Filo Jet" vor der Küste Nordzyperns ums Leben gekommen. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, wurden 239 der insgesamt 267 Menschen an Bord gerettet; 18 Personen werden nach wie vor vermisst. Vor dem Gericht in Girne (griechisch: Kyrenia) müssen sich nun der festgenommene Kapitän, sieben Besatzungsmitglieder sowie der Direktor der Reederei Filo Denizcilik verantworten. Der Vorwurf lautet auf „Tötung durch Fahrlässigkeit und Unachtsamkeit", wie der nordzyprische Sender BRT meldete. Richterin Hazal Hacimulla gab bekannt, dass insgesamt 16 Personen vorgeladen und befragt werden sollen.

Das Schiff war den Behörden zufolge am Sonntagmittag kurz nach dem Auslaufen aus dem Hafen von Girne in Richtung der südtürkischen Stadt Taşucu in der Provinz Mersin gekentert – vier Seemeilen vor der Küste. Der stellvertretende Polizeikommissar Mehmet Mannaş erklärte gegenüber der nordzyprischen Tageszeitung Kıbrıs Postası, das Schiff habe einen Bruch an der vorderen linken Seite erlitten; eindringendes Wasser habe den Katamaran zum Kentern gebracht. Die See war Medienberichten zufolge stürmisch.

Passagiere schildern Panik und blockierte Fluchtwege

Überlebende erhoben schwere Vorwürfe gegen die Crew. Gegenüber dem türkisch-zyprischen Verkehrsminister Erhan Arıklı schilderten mehrere der 259 Passagiere, dass Türen und Fluchtwege verschlossen gewesen seien. Außerdem soll der Kapitän von Bord geflüchtet sein, bevor alle Passagiere in Sicherheit gebracht wurden. Arıklı übermittelte diese Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu.

Der Augenzeuge Efe Mültici, der sich nach eigenen Angaben im unteren Deck aufhielt, berichtete dem Sender CNN Türk von chaotischen Szenen: Passagiere hätten die Besatzung mehrfach auf eindringendes Wasser hingewiesen und um eine Kursänderung gebeten. Als sich das Schiff plötzlich zur Seite neigte, sprangen viele panisch auf und suchten nach Rettungswesten. Einige hätten versucht, Scheiben einzuschlagen, um ins Freie zu gelangen. Ein weiterer Zeuge bestätigte der Kıbrıs Postası das Chaos an Bord. Auf Videos der Anadolu Ajansı und in sozialen Medien war zu sehen, wie Menschen auf dem seitlich liegenden Wrack auf Rettung warteten; ein Hubschrauber kreiste über ihnen.

Wrack liegt in mehr als 500 Metern Tiefe

Verkehrsminister Arıklı zufolge liegt das gesunkene Schiff in mehr als 500 Metern Tiefe, was eine direkte Inspektion durch Taucher praktisch ausschließt. Zur Klärung der Unglücksursache benötige man die Daten des Schiffsdatenschreibers, sagte Arıklı dem Sender BRT. Zusätzlich zur laufenden Polizeiermittlung kündigte er eine separate Untersuchungskommission an; deren Ergebnisse zu Betriebserlaubnis, Seetauglichkeit und den Sicherheitsvorkehrungen an Bord sollen anschließend öffentlich gemacht werden.

Der nordzyprische Präsident Tufan Erhürman bestätigte gegenüber CNN Türk, dass die Suche nach den 18 noch Vermissten weiter andauert. Die türkische Küstenwache unterstützt die Rettungsmaßnahmen, wie der türkische Vizepräsident Cevdet Yılmaz auf der Plattform X mitteilte. Vor dem Krankenhaus in Girne versammelten sich Angehörige und warteten auf Nachrichten über ihre Familienmitglieder.

Beileid aus Nikosia und Ankara

Der zyprische Regierungssprecher Konstantinos Letymbiotis schrieb auf X auf Griechisch und Türkisch: „Unsere Gedanken sind bei den Menschen, die ihr Leben verloren haben, bei den Verletzten und bei allen, die diese Tragödie erleben müssen, sowie bei ihren Familien in diesen äußerst schwierigen Stunden." Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.

Nordzypern ist seit 1974 infolge eines Putsches nationalistischer griechischer Zyprer und einer anschließenden türkischen Militärintervention de facto vom Süden der Insel getrennt. Die 1983 ausgerufene Türkische Republik Nordzypern wird international nur von der Türkei anerkannt; die Republik Zypern trat 2004 als Ganzes der Europäischen Union bei.

Source: Süddeutsche Zeitung

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