Fenech im Mordfall Caruana Galizia freigesprochen – Jury votierte 8:1
Fast neun Jahre nach dem Autobombenattentat auf Journalistin Daphne Caruana Galizia hat eine Jury den Unternehmer Yorgen Fenech freigesprochen. Familie und Pressefreiheitsorganisationen reagierten mit scharfer Kritik.

Freispruch für Yorgen Fenech erschüttert Malta
Knapp neun Jahre nach dem Autobombenanschlag auf die Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia ist der maltesische Unternehmer Yorgen Fenech in Valletta von dem Vorwurf freigesprochen worden, Drahtzieher des Mordes gewesen zu sein. Wie ORF berichtet, stimmte die Jury mit acht zu eins für den Freispruch – sowohl vom Vorwurf der Beihilfe zum Mord als auch der kriminellen Verschwörung.
Caruana Galizia war am 16. Oktober 2017 in der Nähe ihres Hauses durch eine Autobombe getötet worden. Die 53-Jährige galt als eine der profiliertesten Investigativjournalistinnen Maltas und hatte über Korruption in Politik und Wirtschaft recherchiert. Der Fall erschütterte den Inselstaat tief und zwang 2019 Ministerpräsident Joseph Muscat zum Rücktritt – Muscat legte das Amt im Jänner 2020 nieder.
Lange Vorgeschichte des Verfahrens
Drei Auftragsmörder hatten sich bereits vor einigen Jahren schuldig bekannt und verbüßen Haftstrafen zwischen 15 und 40 Jahren. Zwei weitere Männer, die wegen der Lieferung der Bombe verurteilt wurden, erhielten lebenslange Haftstrafen. Der Freispruch für Fenech beendet einen der längsten Mordprozesse in der Geschichte Maltas.
Fenech, 44 Jahre alt und Spross einer der einflussreichsten Unternehmerfamilien des Inselstaates südlich von Sizilien, war im November 2019 festgenommen worden, als er mit seiner Jacht aus einem ihm gehörenden Jachthafen im Stadtteil St. Julian's auslief. Er gilt als einer der wohlhabendsten Männer Maltas und war Direktor des Kraftwerkskonsortiums, zu dem Caruana Galizia intensiv recherchiert hatte.
Kronzeuge und widersprüchliche Aussagen
Die Anklage stützte sich maßgeblich auf die Aussagen von Fenechs Chauffeur Melvin Theuma. Theuma hatte gestanden, als Vermittler zwischen den Auftragsmördern und Fenech als angeblichem Auftraggeber fungiert zu haben. Im Gegenzug für seine Aussage erhielt er eine Begnadigung. Theuma legte Aufzeichnungen und Textnachrichten vor, in denen er und Fenech über die Auftragsmörder und die laufenden Mordermittlungen gesprochen haben sollen – 150.000 Euro habe Fenech ihm übergeben.
Fenech räumte ein, von den Mordplänen gewusst zu haben, bestritt jedoch die Täterschaft. Er erklärte, sein ehemaliger Freund Keith Schembri sei der wahre Drahtzieher gewesen. Schembri war zum Tatzeitpunkt Stabschef von Ministerpräsident Muscat.
Proteste und Untersuchungsbericht
Die Festnahme Fenechs sowie der Verdacht einer Verwicklung hochrangiger Regierungsvertreter hatten im Dezember 2019 landesweite Proteste ausgelöst, die Muscat schließlich zum Rücktritt zwangen. Ein 2021 veröffentlichter Untersuchungsbericht kam zu dem Schluss, dass die Regierung ein „Klima der Straflosigkeit" für jene geschaffen habe, die Caruana Galizia zum Schweigen bringen wollten.
Scharfe Reaktionen nach dem Urteil
Matthew Caruana Galizia, Sohn der getöteten Journalistin, bezeichnete den Freispruch als „schreckliche Entscheidung, von der sich unser Land vielleicht nie wieder erholen wird". Die Familie forderte in einer Stellungnahme Konsequenzen: „Es ist höchste Zeit, dass all jene zur Rechenschaft gezogen werden, die den Mord an ihr ermöglicht, begünstigt oder ihre Mörder geschützt haben." Neun Jahre nach dem Anschlag seien die institutionellen Versäumnisse „nach wie vor nicht aufgearbeitet und nicht behoben" worden.
Auch Medienorganisationen reagierten mit Unverständnis. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit erklärte, das Urteil sende „eine beunruhigende Botschaft an diejenigen, die Journalisten angreifen und töten". Reporter ohne Grenzen (RSF) zeigte sich „mehr als empört" und forderte „vollständige Gerechtigkeit". Das Urteil bedeute, dass es den maltesischen Behörden fast neun Jahre nach dem Mord nicht gelungen sei, den Drahtzieher zu identifizieren und zu verurteilen. Die Behörden müssten „die längst überfälligen Maßnahmen zum Schutz von Journalisten und der Medienfreiheit umsetzen", so RSF.
Source: ORF