Sieben Tote bei Falschfahrt in England – TikTok-Trend unter Verdacht

Bei Middlesbrough starben sieben Menschen, darunter zwei Polizisten, bei einem Frontalzusammenstoß. Ähnliche Unfälle in Irland und England entfachen Debatte über „Joyrides" in sozialen Medien.

Sieben Tote bei Falschfahrt in England – TikTok-Trend unter Verdacht

Tödliche Falschfahrten in England und Irland – Diskussion über „Joyriding"-Trend

Großbritannien und Irland werden von einer Serie schwerer Verkehrsunfälle erschüttert, bei denen junge Männer in gestohlenen Autos offenbar gezielt extreme Risiken eingehen und ihre Fahrten für soziale Medien filmen. Wie DER SPIEGEL (Justiz & Kriminalität) berichtet, hat eine Häufung tödlicher Zwischenfälle eine breite gesellschaftliche Debatte über sogenannte „Joyrides" ausgelöst.

Middlesbrough: Sieben Tote nach Frontalkollision

Am frühen Samstagmorgen starben sieben Menschen bei einem Frontalzusammenstoß in der Nähe von Middlesbrough im Nordosten Englands. Ein VW Passat mit fünf jungen Männern fuhr gegen 3.40 Uhr in falscher Richtung auf einer zweibahnigen Schnellstraße und kollidierte mit einem Polizeifahrzeug. Beide Beamte im Streifenwagen und alle fünf Insassen des Passats kamen ums Leben.

Laut britischen Medienberichten hatte die Polizei den Passat zuvor durch ein Wohngebiet verfolgt, die Verfolgung jedoch abgebrochen, als der Wagen auf die Schnellstraße einbog. Die getöteten Polizisten befanden sich in einem anderen Fahrzeug, das an der Verfolgung nicht beteiligt war. Die Lokalpolizei bat, bis zum Abschluss der Ermittlungen nicht über den genauen Hergang zu spekulieren. Berichten der „Daily Mail" und der „Sun" zufolge soll einer der jungen Männer Monate vor dem Unfall Videos von Verfolgungsjagden mit der Polizei auf TikTok gepostet haben.

Fünf Teenager sterben auf irischer Autobahn

Der Unfall in Middlesbrough ereignete sich nur wenige Tage nach einer ähnlichen Katastrophe in Irland. Am 16. August starben fünf Teenager im Alter von 15 bis 18 Jahren auf der Autobahn M9 im County Kildare, als ihr BMW gegen drei Uhr morgens in falscher Richtung mit einem Hyundai zusammenstieß. Drei Frauen und ein siebenjähriger Junge im Hyundai wurden schwer verletzt; sie waren auf dem Weg zum Flughafen Dublin, um eine Familienhochzeit im Vereinigten Königreich zu besuchen. Bei einem weiteren ähnlichen Vorfall wurden jüngst neun Menschen in Dublin verletzt.

Nach Recherchen des „Guardian" sollen die Insassen des BMWs zuvor in Häuser und Autos eingebrochen sein und versucht haben, Polizeistreifen zu einer Verfolgungsfahrt zu provozieren. Mehrere der Jugendlichen hätten bereits Videos rücksichtsloser Fahrten veröffentlicht. Laut „Irish Times" sollen zwei der Teenager zu den bekanntesten „Joyriders" des Landes zählen. Ob der Trend tatsächlich ursächlich für die tödliche Fahrt ist, ist Gegenstand laufender Ermittlungen.

TikTok-Videos folgen festem Muster

Laut „Irish Times" veröffentlichen Gangmitglieder auf TikTok nahezu täglich Aufnahmen von sich in gestohlenen Autos – häufig japanische Fabrikate. Die Videos zeigen verdeckte Kennzeichen, beschädigte Zündschlösser und vermummte Insassen. Teils fahren die Jugendlichen bewusst langsam an Polizeiwagen vorbei, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Mary Aiken, Professorin für forensische Cyberpsychologie an der University of East London, erklärte dem „Guardian": „Während sie Auto fahren, filmen sie gleichzeitig und nehmen Inhalte auf, um sie später zu posten oder live zu streamen. Sie denken an die Likes, sie denken an die Anerkennung."

Irland fordert härtere Konsequenzen

Besonders in Irland ist die Debatte intensiv. Polizeichef Justin Kelly sagte laut „Guardian", einige der Unfälle seien Folge einer Jagd nach Likes. Irische Polizisten sollen künftig speziell für Verfolgungsfahrten trainiert werden. Politiker und Beobachter fordern strengere Strafen für Falschfahrer sowie Maßnahmen seitens der Social-Media-Plattformen.

TikTok lehnte eine Einladung in einen Ausschuss des irischen Parlaments ab und verwies auf laufende Untersuchungen sowie darauf, dass keine andere Plattform zur Sitzung gebeten worden sei. Ausschussvorsitzender Alan Kelly bezeichnete die Absage als „Schlag ins Gesicht" der irischen Öffentlichkeit.

Source: DER SPIEGEL (Justiz & Kriminalität)