Ndrangheta-Prozess in Bellinzona: Aargauer Unternehmer als Schweizer Statthalter angeklagt

Am Bundesstrafgericht in Bellinzona steht ein 59-jähriger Italiener vor Gericht, der laut Anklage zwei Jahrzehnte lang als Schweizer Statthalter des kalabrischen Anello-Fruci-Clans tätig war.

Ndrangheta-Prozess in Bellinzona: Aargauer Unternehmer als Schweizer Statthalter angeklagt

Ndrangheta-Netzwerk in der Schweiz: Prozess enthüllt kriminelle Strukturen im Aargau und Zürich

Am 16. Februar 2020 fuhr Mario Polli (Name geändert) in seinem Dodge Ram mit Aargauer Nummernschild vom Kanton Aargau in den Kanton Zürich – und schimpfte dabei über einen engen Vertrauten. Der andere könne sein Maul nicht halten, sagte Polli. Allen möglichen Leuten erzähle er von der «mangiata», dem geheimen Mafia-Treffen bei Wein und Brot beim Clan-Paten Rocco Anello, an dem sie beide teilgenommen hätten. Was Polli nicht wusste: Schweizer und italienische Ermittler hörten mit.

Sechs Jahre später sitzt der mittlerweile 59-jährige Italiener mit verschränkten Armen im Saal des Bundesstrafgerichts in Bellinzona. Zwei Verteidiger beteuern seine Unschuld. Es ist laut NZZ der grösste Mafia-Prozess in der Schweiz seit langem.

Mitgliedschaft in krimineller Vereinigung und Waffenhandel

Die Anklage der Schweizer Bundesanwaltschaft ist umfassend: Polli wird Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Hehlerei sowie Beteiligung an Rauschgift- und Waffenhandel vorgeworfen. Fast zwanzig Jahre soll er für die kalabrische 'Ndrangheta tätig gewesen und dabei zum Schweizer Statthalter des mächtigen Anello-Fruci-Clans aufgestiegen sein. Der auf acht Tage angesetzte Prozess gibt Einblick in eine verschwiegene Welt, in der geheime Nachrichten mündlich an Hochzeiten übermittelt und Waffenarsenale in Pizzerien gehortet werden.

Der Prozess räumt laut Ermittlern zudem mit einem verbreiteten Mythos auf: dem, dass die italienische Mafia die Schweiz nur als Rückzugs-, nicht aber als Operationsraum nutze.

Abhöraufnahmen als zentrales Beweismittel

Die Anklage stützt sich auf eine Reihe von Tonaufnahmen aus dem Dodge Ram des Beschuldigten. In einer weiteren Aufnahme, kurz nach seiner Tirade über den «Mann mit der grossen Klappe», prahlte Polli unverhohlen: Kiloweise habe er Drogen geschmuggelt, Millionen habe ihm Clan-Oberhaupt Rocco Anello versprochen. Anello sei für ihn «mehr als ein Bruder».

In denselben Mitschnitten gebärdet sich Polli wie ein Klischee-Mafioso. Er werde einem Opfer Gesicht und Hände aufschlitzen, wenn es nicht bezahle, sagte er in einer Aufnahme. «Wie ein Schwein» wolle er einen anderen abschlachten, ihn mit einer Axt spalten und lebendig verbrennen. Einem weiteren Mann drohte er mit Kopfschuss, Zerstückelung oder dem Auflösen in Säure – und schwor dabei bei seiner Mutter. All das sagte er nicht in Süditalien, sondern auf Autofahrten zwischen Orten wie Knonau, Mettmenstetten, Muri und Niedergösgen.

Das Quartier Seebach in Zürich bezeichnete Polli in einer Aufnahme als «crimine di Zurigo» – einen Ort, an dem verschiedene Mafia-Familien tätig seien. «Drogenhandel… Waffen… alle sind dort in Seebach, diese Mistkerle!», ist laut Anklageschrift auf den Aufnahmen zu hören.

Kokain, Falschgeld und gestohlene Waffen

Die konkreten Vorwürfe der Bundesanwaltschaft reichen vom Handel mit mehreren Kilogramm Kokain über den Verkauf teilweise gestohlener Waffen bis zum Versuch, eine Viertelmillion Euro an Falschgeld in die Schweiz einzuführen. Hinzu kommen auffällige Bargeldbewegungen: Insgesamt 1,3 Millionen Franken soll Polli zwischen 2001 und 2020 in der Schweiz abgehoben und nach Italien transferiert haben.

Im Juni 2016 fanden italienische Behörden bei einer Durchsuchung am Flughafen in Kalabrien 12 000 Euro in bar bei ihm sowie 8000 Euro bei seinem mitreisenden Compagnon – jenem Mann mit dem «grossen Maul». Mehrere Scheine stammten dabei aus einem Wechselgeschäft, das ein verdeckter Ermittler zuvor mit dem Compagnon getätigt hatte.

Das kriminell erwirtschaftete Geld soll Polli auch in legale Tätigkeiten investiert haben, darunter Bauvorhaben sowie Nachtklubs in Bülach, Winterthur und Schaffhausen.

Enger Kontakt zum Clan-Oberhaupt Rocco Anello

Polli sei dabei mehr als ein blosser Handlanger gewesen, betont die Anklage. Bei der geheimen «mangiata» im Sommer 2019 im Örtchen Gianbarella habe er direkt neben Clan-Oberhaupt Rocco Anello sitzen dürfen – ein Umstand, mit dem er später prahlte. Dem Paten soll Polli auch Schweizer Mobiltelefone für eine unauffällige Kommunikation beschafft haben. Darüber hinaus soll er Anello angeboten haben, ihm über eine Scheinansstellung eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen und Investitionen im Gastrobereich in die Wege zu leiten.

Anello war gemäss Anklage regelmässig in der Schweiz zu Gast. Mindestens einmal wohnte er beim Beschuldigten, ein anderes Mal liess er sich von ihm chauffieren. In Dietlikon besuchten die beiden gemeinsam einen Drogenhändler, in Zug einen weiteren. Für Drogen verwendeten die Beteiligten laut Anklageschrift eine Reihe kreativer Codewörter: Von saftigen Kirschen und guter Schokolade war die Rede, wenn es um Ware für einen Freund ging.

Beschuldigter bestreitet alle Vorwürfe

Polli, ein massiger Mann mit blauem T-Shirt, Hornbrille und tätowierten Sternen auf dem Unterarm, sitzt im Gerichtssaal mit der Gleichgültigkeit in Person. Auf die Vorwürfe angesprochen, gibt er sich beharrlich unwissend. «Ich weiss nichts», lautet seine Linie – vorgetragen durch gleich zwei Verteidiger, die beide seine Unschuld beteuern.

Ermittler aus der Schweiz und Italien hatten das 'Ndrangheta-Netzwerk jahrelang verfolgt. Das Netzwerk war laut Anklage in Waffenhandel, Drogengeschäfte und Schutzgelderpressung involviert. Jahrelang versuchten die Behörden, in den inneren Kreis vorzudringen. Den entscheidenden Durchbruch brachte ausgerechnet der Compagnon mit dem «grossen Maul» – der Mann, über den Polli an jenem Februartag 2020 im Dodge Ram geschimpft hatte.

Source: NZZ

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