Schusswaffenangriff in Aarau: Wie die Kantonspolizei zur «Sonderlage» eskalierte
Bei einer Rave-Party in Aarau starb eine 22-jährige Italienerin, fünf weitere wurden verletzt. Die Kantonspolizei rief eine «Sonderlage» aus und nahm einen 43-jährigen Schweizer fest.

Schüsse nach Rave in Aarau: Ablauf und Bedeutung der polizeilichen «Sonderlage»
Gegen 2.30 Uhr am Sonntagmorgen endete ein Rave bei der Pferderennbahn im Aarauer Schachen — und kurz darauf fielen Schüsse. Eine 22-jährige Italienerin mit Wohnsitz im Aargau starb, fünf weitere Personen wurden leicht bis schwer verletzt. Wie Google News CH — Crime (de) berichtet, rief die Kantonspolizei Aargau noch in den frühen Morgenstunden eine «Sonderlage» aus.
Was eine «Sonderlage» bedeutet
Der Begriff ist im Aargauer Polizeigesetz nicht ausdrücklich definiert. Das Gesetz überträgt der Kantonspolizei jedoch die Koordination und Leitung bei Grossereignissen. «Sonderlage» ist vor allem ein polizeilicher Führungsbegriff — er kann bei Geiselnahmen, Amokläufen, Terroranschlägen oder der Fahndung nach einem gefährlichen Täter ausgerufen werden. Bei einer Übung 2022 fasste ein Polizeisprecher den Kern zusammen: «Es besteht eine erhöhte Gefahr für Leib und Leben.»
Nach den Schüssen in Aarau war das Motiv zunächst vollständig offen. Polizeikommandant Michael Leupold nannte am Sonntagabend drei Hypothesen: Terrorismus, einen Amoklauf und eine kriminelle Abrechnung im Milieu. Mit der Ausrufung der Sonderlage bündelte die Polizei ihre verfügbaren Kräfte und richtete diese auf die ausserordentliche Bedrohung aus, wie Leupold erklärte.
Vorbereitete Abläufe und zentrale Führungsstruktur
Bei einer Sonderlage wechselt die Polizei vom normalen Einsatzbetrieb in eine besondere Führungsorganisation. Ein Einsatzstab wird gebildet, der zentrale Fragen klärt: Wohin könnte die Täterschaft geflüchtet sein? Wie ist sie bewaffnet? Sind Fluchtfahrzeuge bekannt? In Aarau führten diese Lagebeurteilungen zu konkreten Massnahmen: Schwer bewaffnete Einsatzkräfte patrouillierten, Strassen wurden gesperrt, Fahrzeuge kontrolliert.
Die Gesamteinsatzleitung in Aarau übernahm Hauptmann Matthias Schildknecht. Er koordinierte sowohl die Polizeikräfte als auch Partnerorganisationen wie Feuerwehr und Sanität. Schildknecht hat vergleichbare Situationen trainiert: 2022 leitete er eine grosse Sonderlagenübung rund um das Grossratsgebäude in Aarau, bei der ein Terrorangriff mit Geiselnahme von Politikerinnen und Politikern simuliert wurde. Damals erklärte er gegenüber der Zeitung: «Es geht auch darum, vorbereitete Planungen und Prozesse zu überprüfen.»
Fahndung über Kantone und Landesgrenzen hinaus
Eine Sonderlage beschränkt sich nicht auf ein einzelnes Polizeikorps. Im kleinräumigen Schweizer System arbeiten Kantonspolizeien bei solchen Lagen eng zusammen — zumal Aarau nahe der Solothurner Grenze liegt. Im Fall Aarau erstreckte sich die Fahndung schweizweit; Fedpol und der Nachrichtendienst des Bundes leisteten Unterstützung. Auch die deutsche Polizei beteiligte sich an Fahndungsmassnahmen jenseits der Landesgrenze.
Im vergangenen November übten die Polizeikorps von Thurgau, Tessin und Zug gemeinsam eine «komplexe Sonderlage» — die Entführung und Geiselnahme mehrerer Opfer über zwei Tage hinweg. Die Konferenz der Kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten bezeichnete dies als «einzigartige Grossübung».
Festnahme und weiterer Verlauf
Die Frage, wann eine Sonderlage endet, entscheidet die Polizei anhand der Bedrohungslage und des Einsatzverlaufs. Eine Festnahme bedeutet nicht automatisch, dass alle Sondermassnahmen sofort aufgehoben werden.
In der Nacht auf Montag nahm die Kantonspolizei den mutmasslichen Täter fest: einen 43-jährigen Schweizer, der unter dringendem Tatverdacht steht. Ob die Sonderlage zu diesem Zeitpunkt bereits aufgehoben war, blieb zunächst offen. Am Dienstag beantwortete die Kantonspolizei entsprechende Medienfragen wegen des grossen Interesses nicht; sie kündigte eine Medieninformation für Mittwoch, 14 Uhr, an.
Nach der Schiesserei auf dem Rennbahngelände fielen zudem bei einem Fahrenden-Stellplatz weitere Schüsse. Laut italienischen Medien stammte die getötete 22-Jährige aus einer Roma-Familie. Ein Zeuge, der nach dem Rave vor Ort war, schilderte, wie sehr ihn das Erlebte noch immer beschäftigt. Nach der Festnahme des Tatverdächtigen verspüre er Erleichterung — in Menschenmengen fühle er sich seither jedoch unwohl.
Source: Google News CH — Crime (de)