Mordprozess Fabian: Angeklagte Gina H. verstrickt sich in Widersprüche

Im Rostocker Prozess um den Tod des achtjährigen Fabian aus Güstrow befragt Richter Holger Schütt die Angeklagte Gina H. zu ihrem Privatleben. Ihre Aussagen werfen neue Fragen zur Glaubwürdigkeit auf.

Mordprozess Fabian: Angeklagte Gina H. verstrickt sich in Widersprüche

Angeklagte Gina H. rückt andere ins schlechte Licht

Anderthalb Stunden lang hat Richter Holger Schütt am Landgericht Rostock die Angeklagte Gina H. zum Beziehungsgeflecht rund um den Tod des achtjährigen Fabian befragt – bis hin zu intimen Details ihres Privatlebens mit dem damaligen Partner Matthias R. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, vermied der Richter das Wort Sex, wies aber darauf hin, dass Matthias R. in Sprachnachrichten über mangelnde Intimität geklagt habe.

Gina H. erklärte, sie habe wegen zahlreicher Streitigkeiten in der Partnerschaft eine Schlafstörung entwickelt, weshalb beide anderthalb Jahre lang getrennte Schlafzimmer genutzt hätten. Auf Nachfrage des Richters räumte sie ein, es habe dennoch gelegentlich Intimität gegeben: „Manchmal einmal im Monat. Manchmal auch zwei, drei Monate gar nicht." Dann fügte sie hinzu: „Oder Matthias hatte Lust, und ich musste hinhalten."

Vorwurf: Mord aus Eifersucht auf das eigene Kind

Seit Ende April muss sich die Dreißigjährige vor dem Landgericht Rostock wegen mutmaßlichen Mordes an Fabian verantworten. Laut Anklage soll sie den Jungen am 10. Oktober des vergangenen Jahres aus der Wohnung seiner Mutter in Güstrow gelockt, rund 13 Kilometer entfernt an einem Tümpel mit sechs Messerstichen getötet und den Leichnam anschließend angezündet haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Kind ihrer Beziehung zu Fabians Vater Matthias R., ihrem Ex-Partner, im Weg gestanden habe. Gina H. weist die Vorwürfe zurück.

Die Befragung am Donnerstag war ihr dritter größerer Auftritt im Verfahren. Ende August hatte sie nach monatelangem Schweigen eine 95 Seiten lange Einlassung vorgelesen – über den ausgedruckten Text gebeugt, ohne je den Blick zu heben, eine Hand um einen silbernen Ball gekniffen, der Fuß im Dauerwippeln. Sie schloss mit den Worten: „Fabian hat mir nie etwas getan, und ich hätte ihm auch nie etwas antun können. Hätte ich ihn ermordet, hätte ich mit Sicherheit das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu töten."

Videoaufnahme zeigt eine andere Gina H.

Nur wenige Tage nach der Verlesung spielte das Gericht die Videovernehmung vom 14. Oktober 2025 ab – aufgezeichnet vier Tage nach Fabians Verschwinden, nachdem Gina H. nach eigenen Angaben die Leiche des Jungen bei einem Spaziergang mit einer Freundin entdeckt hatte. Anschließend war sie mit zur Polizeiwache genommen und als Zeugin aus dem näheren Umfeld des Kindes befragt worden. Zwei Kameras schnitten das Gespräch mit.

Mehr als drei Stunden lang konnten Verfahrensbeteiligte und Zuschauer eine Frau erleben, die mit der Angeklagten auf der Anklagebank kaum gemein zu haben schien. Äußerlich: Die Frau vor den Videokameras trug die Haare blond gesträhnt und lang bis über die Schultern, während Gina H. im Gerichtssaal eine braune Ponyfrisur mit kleinen Spangen zeigt. In der Haltung: Statt der scheuen Vorleserin war auf dem Bildschirm eine selbstbewusste Zeugin zu sehen, die ihren Auftritt geradezu zu genießen schien.

Selbstdarstellung und Seitenhiebe

Ausführlich schilderte Gina H. den Beamten ihr Leben als Alleinerziehende und ihre Beziehung zu Fabians Vater. Sie erwähnte eine schwierige Kindheit, eine Vergewaltigung im Jahr 2014 sowie anschließende psychische Erkrankungen – Borderline, Depressionen, eine posttraumatische Belastungsstörung –, die zum Abbruch ihrer Ausbildung zur Kfz-Lackiererin geführt hätten. Sie berichtete von regelmäßigen Streitigkeiten mit Matthias R., von Handgreiflichkeiten seinerseits sowie von zwei Suizidversuchen nach der Trennung im Sommer 2025, rund zwei Monate vor Fabians Tod.

In fast allen Schilderungen stand sie selbst im Mittelpunkt. „Ich hatte einen hohen Stellenwert für Fabian, ich war ihm wichtiger als sein Papa", sagte sie. Oder: „Ich kämpfe um das, was ich liebe." Und: „Das Problem ist, ich kann nicht lügen." Bei diesem Satz war im Zuschauerraum hörbar Schnaufen zu vernehmen.

Nebenbei rückte sie andere in schlechtes Licht: Fabians Vater Matthias R. attestierte sie mit ironischem Ton „ein minimales Alkoholproblem", dessen Eltern bezeichnete sie als Messies. Über Fabian selbst sagte sie, er habe sie „durchaus angeflunkert" und sei im Kindergarten durch aggressives Verhalten aufgefallen.

Beschwerden über Handy, Sorge um die Pferde

Immer wieder beschwerte sich Gina H. bei den Vernehmungsbeamten darüber, dass sie ihr Mobiltelefon der Spurensicherung hatte überlassen müssen. Die abendliche Versorgung ihrer Pferde schien ihr dringlicher zu sein als ihr Beitrag zur Aufklärung des Verbrechens an Fabian.

Den Ablauf des Spaziergangs, bei dem die Leiche entdeckt wurde, schilderte sie mit vielen Details: Der Hund der Freundin habe sich losgerissen, beide seien den Tieren ein Stück mit dem Auto gefolgt. Eine „weiße Schwanzspitze" habe aus einer Kuhle am Tümpel geragt; in diese Kuhle sei sie, Gina H., nur hinabgestiegen, weil der Hund der Freundin auf ihren Ruf nicht reagiert habe. So und nur deshalb hätten sie Fabian entdeckt.

Bruch im Vernehmungsvideo

Kurz nach dieser Schilderung folgt im Vernehmungsvideo ein auffälliger Bruch: Einer der Beamten verlässt den Raum – der Abschnitt, den das Gericht zu diesem Zeitpunkt abspielte, endet an dieser Stelle. Was danach folgt und welches Gewicht die Kammer diesen Aufnahmen beimisst, bleibt Gegenstand des laufenden Verfahrens.

Wenn Zeugen Gina H. im Prozess als egoistisch und manipulativ beschrieben haben, gibt der Videoauftritt vor den Polizeibeamten einen Eindruck davon, was damit gemeint sein könnte. Die Frage, was von ihren Aussagen zu glauben ist, stellt sich nach diesem dritten Aufeinandertreffen mit der Angeklagten erneut und mit größerem Nachdruck als zuvor.

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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