103 Fälle: Hannoveraner vor Gericht – Partnerin betäubt und vergewaltigt
Ein 39-jähriger Pole aus der Region Hannover steht wegen 103 mutmaßlicher Vergewaltigungen vor Gericht. Der Fall zieht internationale Ermittlungen nach sich.

Prozessauftakt in Hannover: 103 Anklagepunkte wegen Betäubung und Vergewaltigung
Ein 39-jähriger Mann aus der Region Hannover soll seine damalige Lebensgefährtin über mehr als vier Jahre hinweg betäubt, sexuell missbraucht und dabei gefilmt haben. Wie n-tv berichtet, zählt die Staatsanwaltschaft zum Prozessauftakt am Landgericht Hannover genau 103 Fälle auf.
Der Angeklagte, ein polnischer Staatsbürger, will sich laut seinem Verteidiger Marcin Raminski zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern und macht von seinem Schweigerecht Gebrauch. Die mutmaßlichen Taten sollen sich zwischen November 2021 und März 2026 in der gemeinsamen Wohnung in Ronnenberg bei Hannover sowie in einem Hotel ereignet haben.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, seiner ebenfalls polnischen Partnerin Schlafmittel oder Ketamin verabreicht zu haben, um sie zu sedieren. Während die Frau bewusstlos war, soll er sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen haben. Von einer einzigen Tat soll er teils mehr als 100 Videos erstellt haben, von denen er einige in Chatgruppen weiterleitete oder auf einem frei zugänglichen Portal im Internet hochlud. Auch das heimliche Filmen der Frau beim Baden oder Duschen wird ihm zur Last gelegt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Fast eine Stunde benötigte die Staatsanwältin allein dafür, die 103 Anklagepunkte jeweils knapp zu umreißen.
Ermittlungen im Schatten des Pelicot-Skandals
Der Fall erinnert an den Missbrauchsskandal um Gisèle Pelicot, die von ihrem damaligen Ehemann über knapp zehn Jahre betäubt und Dutzenden Fremden zur Vergewaltigung angeboten wurde. Im Jahr 2024 wurden ihr Ex-Mann und 50 Mittäter in Frankreich zu langen Haftstrafen verurteilt.
Eine LKA-Ermittlerin aus Nordrhein-Westfalen berichtete als Zeugin in Hannover, dass der Pelicot-Skandal zu einem neuen Ermittlungsfokus in Deutschland geführt habe. Investigativjournalisten des NDR-Formats „STRG_F" stießen auf entsprechende Online-Netzwerke, was wiederum zum „Projekt Medusa" führte – einer internationalen Ermittlungsoperation, bei der Behörden in diesem Sommer erstmals gezielt gegen Männer vorgingen, die ihre Partnerinnen betäuben und missbrauchen.
Das Profil des nun Angeklagten war der LKA-Ermittlerin bei einer anlassunabhängigen Kontrolle in Nordrhein-Westfalen aufgefallen. Nach seiner Identifizierung wurden die Ermittlungen an die niedersächsischen Behörden übergeben.
Mehr als 42.000 Videodateien ausgewertet
Parallel zur Verhandlung veröffentlichte die Polizei Details zum Ermittlungsumfang. Die Beamten sichteten mehr als 42.000 Videodateien, von denen sich auf fast 1.700 strafrechtlich relevantes Material befand. Diese wurden vollständig ausgewertet und dokumentiert. Zudem wurden annähernd 6.000 Chatverläufe analysiert. Die hochgeladenen Inhalte fanden sich auf einer Plattform, die international durch den massenhaften Austausch von Vergewaltigungs- und Missbrauchsvideos Schlagzeilen gemacht hatte.
Internationale Ermittlungen in über zehn Ländern
Die Behörden betonen, dass der Fall weit über die Grenzen Niedersachsens hinausreicht. Aus den Ermittlungen ergaben sich 78 Folgeverfahren gegen Kontaktpersonen in Deutschland und mindestens zehn weiteren Staaten in Europa und darüber hinaus. In Frankreich wurde bereits ein Haftbefehl vollstreckt. Die Ermittlungsgruppe stieß zudem auf fast 100 noch nicht identifizierte Opfer, zu denen weiter ermittelt wird.
Ein Polizeibeamter berichtete im Prozess außerdem, dass es möglicherweise ein weiteres Opfer des Angeklagten in Polen geben könnte. Die dortigen Ermittlungen obliegen den polnischen Behörden.
Die Verhandlung soll am 16. September fortgesetzt werden. Wann die mutmaßlich Geschädigte als Zeugin vernommen wird, ist derzeit noch offen.
Source: n-tv