Freispruch im Mordfall Caruana Galizia: Entsetzen in Malta und Europa

Der Geschäftsmann Yorgen Fenech wurde von den Vorwürfen freigesprochen, den Mord an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia in Auftrag gegeben zu haben. Familie und Medienorganisationen reagierten mit Schock.

Freispruch im Mordfall Caruana Galizia: Entsetzen in Malta und Europa

Kein Schuldspruch gegen mutmaßlichen Auftraggeber: Freispruch erschüttert Malta

Fast neun Jahre nach dem Tod der maltesischen Enthüllungsjournalistin Daphne Caruana Galizia hat ein Geschworenengericht den Geschäftsmann Yorgen Fenech von allen Anklagepunkten freigesprochen. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, stimmten die Geschworenen am Mittwochabend mit acht zu einer Stimme dafür, den 44-Jährigen weder des Mordes noch der Gründung einer kriminellen Vereinigung für schuldig zu befinden. Das Urteil löste auf Malta und im Ausland weithin Entsetzen aus.

Caruana Galizia war am 16. Oktober 2017 durch eine Autobombe in der Nähe ihres Wohnortes in Bidnija getötet worden. Sie war 53 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft hatte Fenech vorgeworfen, den Anschlag beauftragt zu haben, weil die Journalistin kurz davorstand, weitere kompromittierende Artikel über sein Geschäftsgebaren und illegale Machenschaften zu veröffentlichen. Fenech wies die Vorwürfe zurück. Nach dem Freispruch verließ er das Gerichtsgebäude durch den Haupteingang, ohne Fragen von Reportern zu beantworten. Festgenommen worden war er 2019, als er an Bord seiner Yacht versucht hatte, Malta zu verlassen.

Fünf Verurteilungen – der Auftraggeber bleibt strittig

Im Mordfall wurden bereits fünf Männer rechtskräftig verurteilt. Die Brüder George und Alfred Degiorgio sowie Vince Muscat hatten die Autobombe gebaut, unter dem Fahrzeug platziert und per Fernzünder gezündet. Sie erhielten 2022 Haftstrafen zwischen 15 und 40 Jahren. Robert Agius und Jamie Vella wurden im Juni 2025 zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, weil sie den Sprengstoff für den Anschlag beschafft hatten. Die Frage, wer den Mord in Auftrag gegeben hat, bleibt damit nach dem Freispruch Fenechs juristisch ungeklärt.

Die Verteidigung hatte im Prozess argumentiert, die Befehlskette reiche noch weiter als bis zu Fenech. Seine Anwälte deuteten auf Keith Schembri, den ehemaligen Stabschef von Ministerpräsident Joseph Muscat, als eigentlichen Auftraggeber hin. „Alle Wege führen zu Keith, und alle Brücken zu Keith wurden abgebrochen", sagte Verteidiger Charles Mercieca in seinem Schlussplädoyer. Die Polizei habe Hinweisen auf Schembris Beteiligung nicht ausreichend nachgegangen, so die Verteidigung. Fenech selbst erklärte mehrfach, er habe „weder den Mord an Daphne Caruana Galizia noch an irgendjemand anderem in Auftrag gegeben".

Staatsanwalt Anthony Vella hatte nach 55 Prozesstagen die Geschworenen mit den Worten angesprochen: „Sie sollen entscheiden, ob ein Mann mit weitreichenden Kontakten in der Politik und zu den Leitern öffentlicher Einrichtungen genug Macht hatte, um den Mord an Daphne in Auftrag zu geben."

Familie spricht von verweigerter Gerechtigkeit

Caruana Galizias Familie erklärte unmittelbar nach dem Urteil, der Ermordeten werde auch fast neun Jahre nach der Bluttat „die Gerechtigkeit verweigert, die sie verdient". Ihr Sohn Matthew Caruana Galizia bezeichnete den Freispruch als „schreckliche Entscheidung, von welcher sich unser Land vielleicht nie wieder erholen wird". Die Geschworenen hätten die Verantwortung gehabt, Gerechtigkeit walten zu lassen, und hätten sich ihr entzogen.

Ihre Schwester Corinne Vella sagte: „Alle sind jetzt viel stärker gefährdet, denn das signalisiert, dass man Journalisten ungestraft töten kann. Wir ahnten, dass ein Freispruch wahrscheinlich sein würde. Aber es ist wie beim Tod eines Menschen, es ist trotzdem ein Schock." In einer gemeinsamen Erklärung am Donnerstagmorgen forderte die Familie, all jene zur Rechenschaft zu ziehen, die den Mord ermöglicht, begünstigt oder die Täter geschützt hätten. Die institutionellen Versäumnisse, die den Anschlag ermöglicht hätten, seien „nach wie vor weder aufgearbeitet noch behoben" worden.

Medienorganisationen fordern Konsequenzen

Internationale Pressefreiheitsorganisationen reagierten mit scharfer Kritik. Das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit erklärte, der Staat habe Caruana Galizia „zweimal im Stich gelassen: Er hat sie nicht geschützt, solange sie lebte, und er hat es nicht geschafft, nach ihrer Ermordung Gerechtigkeit zu gewährleisten." Das Versäumnis, Rechenschaftspflicht zu gewährleisten, sende eine beunruhigende Botschaft an alle, die Journalisten angreifen und töten.

Reporter ohne Grenzen (RSF) erklärte, sie sei „mehr als empört", und forderte „vollständige Gerechtigkeit". Das Urteil bedeute, dass es den maltesischen Behörden nicht gelungen sei, den Drahtzieher des Mordes zu identifizieren und zu verurteilen. Die Behörden müssten „die längst überfälligen Maßnahmen zum Schutz von Journalisten und der Medienfreiheit durchsetzen".

Die maltesische Kampagnengruppe Repubblika forderte eine „nationale Abrechnung" mit der „Kultur der Straflosigkeit" im kleinsten EU-Staat. Jene, die dafür während der Regierungszeit Joseph Muscats politisch verantwortlich gewesen seien, dürften nicht mehr in wichtigen Positionen am öffentlichen Leben teilnehmen.

Politischer Nachhall seit 2017

Der Mord hatte Malta damals wochenlang erschüttert und zu anhaltenden Protesten gegen den damaligen Regierungschef Joseph Muscat von der sozialdemokratischen Arbeiterpartei geführt. Ihm wurde vorgeworfen, Ermittlungen behindert zu haben, um Verbündete und ranghohe Kabinettsmitarbeiter zu schützen. Muscat trat im Januar 2020 zurück. Eine 2021 veröffentlichte unabhängige Untersuchung dreier ranghoher Richter stellte fest, dass die Regierung ein „Klima der Straflosigkeit" für jene geschaffen habe, die Caruana Galizia zum Schweigen bringen wollten. Muscats Nachfolger Robert Abela wurde bei den Parlamentswahlen 2022 und 2026 im Amt bestätigt.

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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