Prozess in Massachusetts: Tötete Lindsay Clancy ihre drei Kinder in psychotischem Zustand?
Lindsay Clancy steht in Plymouth vor Gericht, weil sie am 24. Januar 2023 ihre drei Kinder erwürgte. Die Verteidigung beruft sich auf eine Wochenbettpsychose.

Gericht entscheidet über Schuldfähigkeit von Kindsmörderin Lindsay Clancy
Täglich versammeln sich Hunderte Frauen in pinkfarbener Kleidung vor dem Gerichtsgebäude in Plymouth, Massachusetts. Laut 20 Minuten wollen sie damit ihre Solidarität mit Lindsay Clancy bekunden, die im Inneren wegen der Tötung ihrer drei Kinder vor Gericht steht.
Clancy hat eingeräumt, am 24. Januar 2023 ihre fünfjährige Tochter Cora, ihren dreijährigen Sohn Dawson und den acht Monate alten Callan mit einem Fitnessband erwürgt zu haben. Vor Gericht plädiert sie dennoch auf nicht schuldig.
Vorgeschichte: Wiederholte psychiatrische Hilfesuche
Der Fall bewegt die Öffentlichkeit besonders deshalb, weil Clancys Verteidigung zum Tatzeitpunkt eine Wochenbettpsychose geltend macht. Ihre Unterstützerinnen sehen in ihrem Schicksal zudem ein Beispiel für mögliche Lücken in der psychiatrischen Versorgung von Frauen nach der Geburt.
Nach der Geburt ihres dritten Kindes suchte die damals 36-Jährige wegen psychischer Beschwerden wiederholt professionelle Hilfe. Rund einen Monat vor der Tat habe sie sogar darauf bestanden, stationär behandelt zu werden, berichtete ihr Ehemann Patrick Clancy gegenüber dem «New Yorker».
Am 1. Januar 2023 wurde Clancy in das McLean Hospital aufgenommen — eines der renommiertesten psychiatrischen Kliniken der USA. Bereits fünf Tage später wurde sie entlassen, ohne dass eine schwerwiegendere Diagnose gestellt worden wäre.
Zeuginnenaussagen vor Gericht
Auch ihre ehemalige Schwiegermutter Susan Clancy schilderte vor Gericht eine deutliche Verschlechterung des psychischen Zustands nach der Geburt des jüngsten Kindes. Lindsay habe unter Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit gelitten und sei sehr ängstlich und traurig gewesen.
Auf die Frage der Verteidigung, ob Clancy versucht habe, ärztliche Hilfe zu suchen, antwortete Susan Clancy knapp: «Absolut. Sie flehte um Hilfe.» Sie beschrieb ihre ehemalige Schwiegertochter zudem als «sehr fürsorgliche und sehr liebevolle Mutter».
Die Tat und ihre unmittelbaren Folgen
Am 24. Januar 2023 bat Lindsay Clancy ihren Mann, das Haus zu verlassen, um ein Medikament für eines der Kinder zu besorgen. Patrick Clancy war nach bisherigen Angaben rund 25 Minuten abwesend. In dieser Zeit tötete sie die drei Kinder. Anschliessend sprang Clancy aus einem Fenster im ersten Stock und verletzte sich schwer an der Wirbelsäule. Sie wurde ins Spital gebracht und überlebte, ist seither jedoch von der Hüfte abwärts gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen.
Verteidigung contra Staatsanwaltschaft
Der Psychologe Paul Zeizel sagte vor Gericht aus, Clancy habe aufgrund ihrer Erkrankung das Unrecht ihrer Handlungen zur Tatzeit nicht erkennen können. Zeizel hatte die Mutter nach dem Tod der Kinder in einer Klinik behandelt; seine Aussage gilt als zentrales Beweismittel der Verteidigung.
Die Verteidigung argumentiert, Clancy habe an einer bipolaren Störung sowie an einer Wochenbettpsychose gelitten. Ihr psychischer Zustand habe auch beim anschliessenden Suizidversuch eine entscheidende Rolle gespielt.
Die Staatsanwaltschaft sieht das anders. Sie wirft Clancy vor, die Tötung ihrer Kinder geplant zu haben: Sie habe ihren Mann gezielt aus dem Haus geschickt, um mit den Kindern allein zu sein — ein Beleg dafür, dass sie bewusst und mit Tötungsabsicht gehandelt habe.
Im Zentrum: psychischer Zustand zum Tatzeitpunkt
Die zentrale Frage des Prozesses ist damit nicht, ob Lindsay Clancy ihre Kinder tötete, sondern in welchem psychischen Zustand sie sich dabei befand. Sollte das Gericht sie wegen Mordes ersten Grades schuldig sprechen, droht ihr eine lebenslange Freiheitsstrafe ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.
Folgt das Gericht dagegen der Argumentation der Verteidigung, wird entscheidend sein, ob ihre psychische Erkrankung nach dem Recht von Massachusetts ausreicht, um sie als strafrechtlich nicht verantwortlich einzustufen.
Source: 20 Minuten