Polizeiskandal in Uster: Abgesetzter Kommandant soll anonyme Schmähbriefe verfasst haben

Der frühere Kommandant der Stadtpolizei Uster soll laut einer Administrativuntersuchung mit «erdrückender Beweislage» anonyme Schmähbriefe verschickt haben. Er bestreitet die Vorwürfe.

Polizeiskandal in Uster: Abgesetzter Kommandant soll anonyme Schmähbriefe verfasst haben

Uster – die drittgrösste Stadt des Kantons Zürich mit rund 37'000 Einwohnern – steckt mitten in einem Politskandal. Wie Blick-Recherchen zeigen, geht es dabei nicht nur um finanzielle Unregelmässigkeiten bei der Stadtpolizei, sondern auch um anonyme Schmähbriefe, die offenbar aus den eigenen Reihen der Polizei stammten.

Getürkte Abrechnungen und ein teurer BMW

Der Ausgangspunkt des Skandals: Bei der Stadtpolizei Uster wurden Rechnungen systematisch gesplittet, um interne Kontrollschwellen zu umgehen. So wurde etwa ein BMW X2 mit 300 PS – Kaufpreis rund 100'000 Franken – in vier Teilzahlungen abgerechnet. Der Grund: Ab einem Betrag von 50'000 Franken wäre ein formeller Beschluss des Stadtrats nötig gewesen.

Die Stadtregierung erfuhr Ende März davon, hielt die Information aber monatelang zurück. Erst im Juli, als das Parlament die Jahresrechnung beriet, kamen die Unregelmässigkeiten – und selbst dann nur am Rande – zur Sprache. In der Folge wurde bekannt, dass Sicherheitsvorsteherin Beatrice Caviezel (55, GLP) einen Teil der gesplitteten Rechnungen selbst visiert hatte. Zudem soll die Praxis bereits seit Jahren bestanden haben.

Briefe an Privatadresse – auch an den damaligen Armeechef

Parallel dazu erhielten mehrere Bürger und Politiker, die in sozialen Medien oder Leserbriefen Kritik an der Stadtpolizei geübt hatten, in den vergangenen Jahren anonym verfasste Schmähschreiben an ihre Privatadresse. Unter den Empfängern war im Frühling 2025 auch der damalige Armeechef Thomas Süssli (59). Der Brief an Süssli verunglimpfte einen Polizisten, der zur Armee gewechselt hatte: «Er darf nie mit Waffen umgehen. Er ist nicht geputzt», stand darin über den neuen Angestellten.

Besonders brisant: Teile der anonymen Post wurde in offiziellen Couverts der Stadt Uster verpackt und mit einer städtischen Frankiermaschine versandt – ein Hinweis, der den Urheber in das unmittelbare Umfeld der Stadtpolizei verortet.

FDP-Gemeinderat Simon Vlk (42) erhielt ebenfalls ein solches Schreiben. «Solche Vorkommnisse kennt man sonst ja vor allem aus schlecht gemachten Hollywoodfilmen», sagte er gegenüber Blick. Sollten die Briefe tatsächlich aus Polizeikreisen stammen, sei das «starker Tobak – und möglicherweise auch strafrechtlich relevant».

«Erdrückende Beweislage» gegen den Kommandanten

Die Stadt beauftragte eine Anwaltskanzlei mit einer Administrativuntersuchung. Dabei wurden der damalige Kommandant der Stadtpolizei, Andreas Baumgartner (48), sowie mehrere Kadermitarbeiter befragt. Baumgartner erschien in Begleitung eines Anwalts, bestritt jede Urheberschaft – und verweigerte die Abgabe einer Handschriftenprobe.

Das Fazit der untersuchenden Kanzlei fällt dennoch eindeutig aus: Der Verfasser der anonymen Schreiben sei «mit grosser Wahrscheinlichkeit» Baumgartner gewesen. Es liege eine «erdrückende Beweislage» vor. Zudem gestand Baumgartner im Rahmen der Untersuchung weitere Verfehlungen ein: Er hatte sich auf Stadtkosten Anzüge anfertigen lassen und verwendete für einen Abteilungsleiter einen abfälligen Spitznamen.

Mitte Juni kündigte die Stadt Uster die Trennung von Baumgartner per Ende Oktober an; seither ist er freigestellt. Als Begründung nannte die Stadt «beidseitigen Vertrauensverlust», ohne weitere Details zu nennen. Baumgartners Anwälte halten gegenüber SonntagsBlick fest, ihr Mandant bestreite die Vorwürfe weiterhin entschieden: «Weder gibt es konkrete Beweise, noch hält die im Untersuchungsbericht aufgeführte Indizienkette.»

«Baumgartner erscheint mir als Bauernopfer»

Dass ein Polizeikommandant gehen muss, wenn seine Vorgesetzten ihn für den Verfasser von Schmähbriefen halten, überrascht kaum. Politische Beobachter vermuten jedoch, die Entlassung komme dem Stadtrat auch deshalb gelegen, weil sie es erlaube, die finanziellen Tricksereien allein Baumgartner anzulasten.

Paul Stopper (79), der die Kleinpartei Bürgernahe Politik Uster im Stadtparlament vertritt, bringt es direkt auf den Punkt: «Baumgartner erscheint mir als Bauernopfer.» Das Splitting von Rechnungen zur Umgehung von Kontrollen finde auch in anderen städtischen Abteilungen statt – «teilweise mit dem Wissen oder der Duldung der politischen Vorgesetzten, die nicht immer jede Ausgabe vor dem Gesamtstadtrat rechtfertigen wollen – oder gar vor dem Stimmvolk».

FDP-Gemeinderat Vlk betont den demokratischen Schaden: «Durch das bewusste Umgehen des demokratischen Bewilligungsprozesses wurden der Stadt Uster Ausgaben aufgezwungen, die politisch und finanziell nicht legitimiert waren.» Die Folgekosten trügen vollumfänglich die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.

Stadtpräsidentin ändert Antwort beim Gegenlesen

Auch das Kommunikationsverhalten der Stadtregierung steht in der Kritik. Stadtpräsidentin Barbara Thalmann (60, SP) erklärte die Kommunikation zur Chefsache – und geriet dabei selbst ins Straucheln. In einem Interview mit dem «Anzeiger von Uster» beantwortete sie die Frage, ob die Stadtregierung bereits vor den Erneuerungswahlen vom 12. April vom Polizeiskandal gewusst habe, zunächst mit Nein – und änderte die Antwort beim Gegenlesen auf Ja.

Damit steht der Verdacht im Raum, dass der Stadtrat die Information bis nach den Wahlen zurückgehalten hatte, um die eigenen Wahlchancen nicht zu gefährden. Aus dem Umfeld der Beteiligten wird dieser Vorwurf als unfair zurückgewiesen: Man habe die Angelegenheit zuerst vertieft abklären müssen. Thalmann selbst äussert sich seither nicht mehr zum Thema – und lässt ausrichten, sie werde vor der Parlamentssitzung vom 31. August keine weiteren Erklärungen abgeben.

Source: Blick

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