Cyberangriffe auf deutsche Firmen: 37 Prozent durch ausländische Geheimdienste
96 Prozent der deutschen Unternehmen waren zuletzt von Spionage oder Sabotage betroffen. China und Russland führen die Liste staatlicher Angreifer an.

Geheimdienste und Kriminelle im Visier der deutschen Wirtschaft
Mindestens 211 Milliarden Euro Schaden haben Cyberangriffe, Industriespionage und Sabotage der deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr zugefügt. Das geht aus einer Studie hervor, die Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst am Mittwoch in Berlin gemeinsam mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz vorgestellt hat, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.
„Es gibt zwei Arten von Unternehmen: die, die gehackt worden sind, und die, die es noch nicht wissen", sagte Wintergerst bei der Präsentation. 96 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten von Datendiebstahl, Spionage oder Sabotage betroffen gewesen zu sein – oder dies zumindest zu vermuten. Häufigste Angriffsform waren digitale Attacken, die laut Studie meist keine Einzelfälle darstellten, sondern Teil breit angelegter Kampagnen waren.
Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen bezeichnete diese Entwicklung als beunruhigend. Angriffe zu erkennen, werde wegen der zunehmenden Professionalisierung der Täter immer schwieriger. Künstliche Intelligenz, Deepfakes, automatisierte Anrufe und Phishing-Mails kämen ihnen dabei zugute. Selen sprach von einem „KI-Booster" für Bedrohungsangriffe auf Unternehmen.
Staatliche Akteure auf dem Vormarsch
Mehr als jedes dritte betroffene Unternehmen – 37 Prozent – konnte mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 28 Prozent. Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen (52 Prozent) verfolgte mindestens einen Angriff nach China zurück, dicht gefolgt von Russland mit 49 Prozent. Neu im Feld der Wirtschaftskriminalität ist dem Bericht zufolge der Iran: Konnten ihm im Vorjahr noch vier Prozent der Angriffe zugeordnet werden, sind es 2026 bereits neun Prozent.
Die Gesamtschadenssumme von mindestens 211 Milliarden Euro liegt unter dem Vorjahreswert von rund 289 Milliarden Euro – allerdings mit Einschränkungen. Nur 67 Prozent der Unternehmen konnten mit Sicherheit sagen, Opfer eines Angriffs geworden zu sein. Die Studie geht von einer Dunkelziffer aus und schätzt den tatsächlichen Schaden auf bis zu 270 Milliarden Euro, was dem Niveau der Vorjahre entspräche. In die Schadenssumme fließen unter anderem Kosten für Rechtsstreitigkeiten, Erpressung und Umsatzeinbußen ein.
Unternehmen schlecht vorbereitet
Trotz wachsender Bedrohungslage stagnieren die IT-Sicherheitsausgaben vieler Unternehmen. Die Mehrheit rechnet zwar mit einer weiteren Zunahme der Angriffe, ist darauf aber schlechter vorbereitet als zuvor. Bitkom-Präsident Wintergerst warnte: „Ein erfolgreicher Cyberangriff kann für Unternehmen nach wie vor das wirtschaftliche Aus bedeuten."
Positiver entwickelt hat sich hingegen die institutionelle Zusammenarbeit. In der Hälfte der Angriffsfälle werden betroffene Unternehmen inzwischen von Behörden auf den Vorfall hingewiesen. Zuletzt hat das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen seine Arbeit aufgenommen. Verfassungsschutzpräsident Selen sieht darin einen Fortschritt, betonte aber: „Wir müssen vor die Welle der Angriffe kommen." Die Pflicht zur Nachrüstung liege auch bei den Unternehmen selbst.
Source: Süddeutsche Zeitung