Sabotage an Umspannwerken in NRW und Brandenburg: Ermittlungen wegen Terrorverdacht
In Bergheim bei Köln und Brandenburg wurden Umspannwerke angegriffen. NRW-Innenminister Reul spricht von verfassungsfeindlicher Sabotage.

Angriffe auf Strominfrastruktur: NRW und Brandenburg im Visier
Innerhalb weniger Tage wurden zwei Umspannwerke in Deutschland attackiert. Deutsche Welle berichtet, dass der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul nach einer Störung im Amprion-Umspannwerk in Bergheim bei Köln den „Anfangsverdacht einer verfassungsfeindlichen Sabotage" äußerte. Unbekannte hatten offenbar Kabel über Oberleitungen gebracht und damit einen Kurzschluss ausgelöst.
„Das war Absicht. Wer da rangeht, greift unser Land an", sagte der CDU-Politiker. Die Ermittler prüfen zwei mögliche Hintergründe: fremdstaatlich gelenkte Sabotage sowie Linksextremismus. Zugleich wird untersucht, ob ein Zusammenhang mit dem Vorfall in Brandenburg besteht.
Spreng- und Brandvorrichtungen in Jänschwalde gefunden
In Brandenburg hatten Einsatzkräfte am Dienstag in einem Umspannwerk beim Kohlekraftwerk Jänschwalde mehrere sogenannte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen entdeckt. Eine davon soll detoniert sein; der Betreiber meldete eine „kurzzeitige Leitungsunterbrechung". Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen der Bildung einer terroristischen Vereinigung und des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion.
Die Ermittlungsbehörden der betroffenen Bundesländer stehen laut dem Landeskriminalamt Baden-Württemberg miteinander im Austausch. Auch in Baden-Württemberg hatte es mutmaßliche Sabotagefälle gegeben: Nach einem Brand in einem Reutlinger Umspannwerk im Juni waren rund 40.000 Menschen vorübergehend ohne Strom. Die Ermittler gehen dort ebenfalls von einer geplanten Tat aus.
Sechs Abschussvorrichtungen im Maisfeld entdeckt
Die Polizei wurde am Dienstag gegen 20 Uhr zu dem Umspannwerk in Bergheim gerufen, nachdem grelle Lichtblitze gemeldet worden waren. In einem angrenzenden Maisfeld fanden Beamte „insgesamt sechs Abschussvorrichtungen", die vermutlich mit dem Anschlag in Verbindung stehen, erklärte Kölner Kriminaldirektor Michael Esser vor Journalisten in Essen.
Die Vorrichtungen waren laut Esser so konstruiert, dass pyrotechnische Gegenstände einen Draht in die Höhe befördern konnten. Dieser Draht habe sich möglicherweise über die Stromleitung gelegt und eine Erdung verursacht. Ein dabei eingesetzter Draht sei verglüht und habe den Zaun beschädigt. Die Polizei Essen führt den Einsatz, da sie auf solche Szenarien spezialisiert ist.
Fünf Kraftwerksblöcke vom Netz
Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) teilte mit, dass infolge des Kurzschlusses fünf Braunkohle-Kraftwerksblöcke im Rheinischen Revier vom Netz gehen mussten. Die Stromversorgung sei dabei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Die betroffenen Blöcke verfügen über eine Gesamtkapazität von rund 4.200 Megawatt; zum Zeitpunkt des Vorfalls speisten sie laut einem Sprecher des Betreibers RWE Power etwa 3.000 Megawatt ins Netz ein.
Der erste der abgeschalteten Blöcke ging am Mittwochmorgen wieder ans Netz. Die vollständige Wiederinbetriebnahme könnte sich bis zum Wochenende verzögern.
Reihe von Angriffen auf Stromnetz
Der Vorfall in Bergheim reiht sich in eine Serie von Angriffen auf die deutsche Strominfrastruktur ein. Vor einem Jahr zündeten mutmaßlich Linksextreme in Berlin mehrere Starkstromkabel eines Technologieparks an; Zehntausende Menschen waren betroffen. Im Januar wurden bei einem weiteren Anschlag in der Hauptstadt Hoch- und Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Der mehrtägige Stromausfall legte bei eisiger Kälte zahlreiche Zentralheizungen lahm; Tausende Berliner wichen zu Bekannten und in Hotels aus.
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) forderte als Reaktion auf die jüngsten Vorfälle besseren Schutz kritischer Infrastruktur. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing erklärte: „Es kann uns jederzeit an jedem Ort treffen." Trotz bestehender Vorkehrungen gebe es „keine 100 Prozent Sicherheit". Der Verband verlangt von Bund und Ländern zusätzliche finanzielle Mittel für wirksame Schutzkonzepte.
KRITIS-Dachgesetz seit März in Kraft
Die Bundesregierung hatte den Schutz kritischer Infrastruktur bereits mit dem sogenannten KRITIS-Dachgesetz geregelt, das im März in Kraft trat. Das Gesetz verpflichtet Betreiber zu strengeren Schutzmaßnahmen — darunter Zäune, Zugangsbeschränkungen und die Identifizierung von Schwachstellen —, um Angriffen durch Kriminelle, politische Extremisten oder ausländische Mächte vorzubeugen. Es setzt im Kern eine EU-Richtlinie in deutsches Recht um.
Source: Deutsche Welle