Türkische Gen-Z-Banden in NRW: Schussattacken und Schutzgelderpressung

In Nordrhein-Westfalen häufen sich Angriffe türkischer Jugendbanden. Seit Februar wurden rund 20 Straftaten registriert – darunter Schüsse auf Gebäude und Fahrzeuge.

Türkische Gen-Z-Banden in NRW: Schussattacken und Schutzgelderpressung

Schutzgelderpressung mit Waffe: Gen-Z-Banden jetzt auch in NRW aktiv

Kurz vor fünf Uhr am Sonntagmorgen schreckten Anwohner im Kölner Umland aus dem Schlaf: In Erftstadt-Köttingen wurden zahlreiche Einschusslöcher in der Hausfassade eines Unternehmers festgestellt, der eine bundesweit tätige Schnellrestaurant-Kette gegründet hat. Auch sein Fahrzeug soll getroffen worden sein, berichten Nachbarn. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet, dass die Attacke aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem bereits seit Wochen laufenden Erpressungsversuch gegen das Unternehmen zusammenhängt – unter anderem mit Angriffen auf Filialen in Mannheim, Rüsselsheim und Osnabrück.

Die Ermittler halten sich zu möglichen Tatmotiven noch bedeckt. Das Muster jedoch ist bekannt: Es entspricht dem Vorgehen türkischer „Generation-Z-Banden", deren Mitglieder überwiegend zwischen 1995 und 2010 geboren wurden.

Aus Istanbul nach Deutschland

Entstanden sind die Gruppierungen zu Beginn des Jahrzehnts in Istanbul als Abspaltungen der türkischen Mafia. Zu den bekanntesten Namen zählen die „Daltons" – benannt nach Figuren aus den Lucky-Luke-Comics –, die „Ezgins", die „Caspers" und die „Sirinler" (Schlümpfe). Die Banden agieren teils kooperativ, teils gegeneinander. Mitunter behaupten Erpresser fälschlicherweise, Mitglieder der „Daltons" zu sein, um Opfer zusätzlich einzuschüchtern.

Seit die Türkei verstärkt gegen diese Gruppen vorgeht, verlagern sie ihre Aktivitäten ins Ausland. Deutschland gilt als besonders attraktives Ziel – wegen der großen türkischstämmigen Gemeinschaft, in der viele Familien über Generationen hinweg Wohlstand aufgebaut haben. Zunächst traten die Banden vor allem in Berlin auf, dann in Süddeutschland, nun zunehmend in Nordrhein-Westfalen.

Steigende Fallzahlen in NRW

Seit das Landeskriminalamt (LKA) NRW im Februar mit der gesonderten Erfassung begann, wurden bereits rund 20 mutmaßliche Straftaten mit Gen-Z-Bezug registriert. „Es kam teils zum Einsatz von Schusswaffen gegen Gebäude und Fahrzeuge sowie zu einem versuchten Tötungsdelikt, welches jedoch nicht im Zusammenhang mit einer Erpressung stand", erklärte eine LKA-Sprecherin gegenüber der FAZ. In sechs Fällen fielen Schüsse, in zwei weiteren Fällen hinterließen Täter Munition in Kuverts als Drohbotschaft.

Nicht in diese Zwischenbilanz eingeflossen sind zwei aktuelle Vorfälle: der Angriff in Erftstadt-Köttingen sowie eine Schussattacke auf ein türkisches Café in der Kölner Südstadt am Montagmorgen.

Wie besorgniserregend die Entwicklung in Berlin ist, zeigen die Zahlen: Wurden dort 2015 noch 80 sogenannte „Schussabgaben" gezählt, waren es im vergangenen Jahr bereits 515.

Mobil, vernetzt, gewaltbereit

Das LKA NRW beschreibt die Struktur der Banden als flach und flexibel. „Die Täter sind mobil, wechseln stetig ihre Aufenthaltsorte und legen weite Entfernungen in kurzer Zeit zurück, um bundesweit Straftaten zu begehen", heißt es aus der Behörde. Mitglieder übernehmen feste Rollen, die Zusammensetzung der Gruppen kann wechseln. Die bisher identifizierten Tatverdächtigen sind laut LKA überwiegend türkische Staatsangehörige – vereinzelt wurden aber auch Personen anderer Nationalität eingesetzt.

Besonders effektiv macht die Banden das Modell des kriminellen Outsourcings, das Ermittler „Violence as a Service" nennen: Über Social-Media-Kanäle oder die Chatfunktionen von Computerspielen werden Jugendliche als Schützen rekrutiert, die für das Feuern auf ein Gebäude oder ein Fahrzeug ein paar Hundert Euro erhalten. Diese „Wegwerf-Schützen" sind bei Verhaftung schnell ersetzt.

Das Phänomen ist nicht auf Deutschland beschränkt: In den Niederlanden und Schweden ist „Violence as a Service" seit Jahren verbreitet. Rund um die Städte Göteborg, Malmö und Stockholm kommt es regelmäßig zu Schießereien und Sprengstoffanschlägen, verübt oft von Minderjährigen aus Einwandererfamilien. Dass das Modell auch in Deutschland greift, zeigte sich im Sommer 2024, als während des „Kölner Drogenkriegs" Kriminelle Jugendliche aus den Niederlanden für Brandanschläge auf Gebäude anwarben.

Opfer zahlen – oder werden bedroht

Viele Erpresste wenden sich nicht an die Polizei und zahlen stattdessen – teils Zehntausende, teils Hunderttausende Euro. Adem Ispirli, Betreiber einer Kfz-Werkstatt in Berlin, berichtete der FAZ im März, dass Erpresser von ihm 250.000 Euro verlangten. Zunächst habe er versucht, den Konflikt über Dritte zu lösen – eine in der Gemeinschaft verbreitete Reaktion. „In unserer Kultur, bei türkischstämmigen und arabischstämmigen Leuten, gibt es ein Problem: Wenn es Ärger gibt, versucht man das über jemanden anderen zu lösen, einen ‚Abi', einen großen Bruder, der sich im Milieu auskennt", sagte Ispirli. Er habe diese Strategie früh verworfen: „Jetzt reden wir nur noch mit der Polizei. Das würde ich jedem Betroffenen raten." Versuche, über Dritte zu verhandeln, verschlimmerten die Lage erfahrungsgemäß.

In NRW sind nach Erkenntnissen des LKA bisher vor allem Mitglieder der „Dalton"-Gruppierung aktiv – schwerpunktmäßig in bevölkerungsdichten Städten des Bundeslandes.

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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