Massaker in Kenscoff: Banden ermorden 47 Menschen und zünden Kirche an

In Haiti haben Bandenmitglieder mindestens 47 Menschen getötet und Vertriebene in einer Kirche ermordet. Die geplanten Wahlen im Dezember sind laut Experten kaum realistisch.

Massaker in Kenscoff: Banden ermorden 47 Menschen und zünden Kirche an

Banden töten Vertriebene in Kirche – Haitis Gewaltspirale dreht sich weiter

In der Nacht von Sonntag auf Montag überfielen kriminelle Banden die Gemeinde Kenscoff südlich von Port-au-Prince und töteten mindestens 47 Bewohner. Wie die NZZ berichtet, zündeten die Angreifer Häuser und eine Kirche an, in der Vertriebene aus anderen Landesteilen Schutz gesucht hatten. Laut den Vereinten Nationen wurden 22 dieser Menschen in der Kirche ermordet. Zusätzlich entführten die Bandenmitglieder fünfzig Personen und drohen damit, diese umzubringen, sollten die Sicherheitskräfte gegen die Gruppen vorgehen.

UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Angriff auf der Plattform X. «Die unerbittlichen Bandenangriffe auf Gemeinden und der Verlust ziviler Leben unterstreichen die alarmierenden Sicherheitsbedingungen in Haiti und verstärken die dringende Notwendigkeit, haitianische und internationale Sicherheitsmassnahmen zur Bekämpfung von Banden zu intensivieren», schrieb Guterres.

Der Bürgermeister von Kenscoff macht die Allianz Viv Ansanm für den Angriff verantwortlich – abgeleitet vom französischen «vivre ensemble». Angeführt wird die Gruppe vom früheren Polizisten Jimmy Chérizier, der behauptet, gegen haitianische Oligarchen und amerikanischen Imperialismus zu kämpfen. In der Praxis terrorisiert die Organisation, die grosse Teile von Port-au-Prince kontrolliert, auch die Zivilbevölkerung und ist für Massaker, Entführungen und Erpressungen verantwortlich. Die Trump-Regierung erklärte Viv Ansanm im Oktober 2025 zur Terrororganisation.

Kenscoff: Von der Kurortgemeinde zum Kriegsschauplatz

Kenscoff liegt auf 1500 Metern über Meer und war einst ein ruhiger Ort – merklich kühler als das zehn Kilometer entfernte Port-au-Prince, mit Landhäusern für die Oberschicht der Hauptstadt und einem Markt für Bauern aus der Umgebung. Seit Beginn des vergangenen Jahres ist die Gemeinde, die an einer strategisch wichtigen Strasse in den Süden des Landes liegt, zum Schauplatz blutiger Kämpfe geworden. Bei einem Angriff im Januar 2025 kamen fünfzig Personen ums Leben, im März über 250 – die Hälfte davon unbeteiligte Zivilisten.

Neben Viv Ansanm operieren weitere Banden wie Gran Grif und Kraze Baryè im Land. Die staatliche Krise begann im Juli 2018 mit Protesten gegen steigende Benzinpreise, Korruption und Armut. Seither ist die Kontrolle des Staates stetig erodiert. 1,5 Millionen Menschen sind innerhalb Haitis vor den Banden geflohen, Vergewaltigungen gehören laut NZZ zum Alltag.

Ermordeter Präsident, schwache Übergangsregierung

Jovenel Moïse, der 2016 die letzten halbwegs regulären Präsidentschaftswahlen gewonnen hatte, wurde 2021 von kolumbianischen Söldnern in seiner Residenz ermordet – möglicherweise, weil er versucht hatte, den Kokainschmuggel von Kolumbien über Haiti in die USA und nach Europa zu unterbinden. Sein Nachfolger als Interimspräsident, Ariel Henry, steht selbst unter dem Verdacht, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein. Seit November 2024 führt der frühere Geschäftsmann Alix Didier Fils-Aimé die Übergangsregierung.

Entwicklungsorganisationen und Geldgeber halten sich zurück

Esther Belliger, bei der Entwicklungsorganisation Helvetas zuständig für Lateinamerika und die Karibik, verfolgt die Lage in engem Austausch mit Kollegen vor Ort. Ihre Mitarbeiter könnten derzeit noch in ihrer Schwerpunktregion im Süden des Landes arbeiten. «Doch die Sicherheitslage und die humanitäre Situation haben sich in Haiti in den letzten Wochen nochmals spürbar verschlechtert, besonders in der Hauptstadt und den umliegenden Regionen», sagt Belliger.

Bei anderen Hilfsorganisationen und westlichen Staaten beobachtet sie grosse Zurückhaltung. Viele potenzielle Geldgeber wollen laut Belliger erst Mittel sprechen, wenn ein Mindestmass an Stabilität herrscht und eine demokratisch legitimierte Regierung existiert. «Doch die Voraussetzungen dafür sind derzeit nicht gegeben.»

UN-Sondereinheit weit unter Sollstärke

Der UN-Sicherheitsrat hat die sogenannte Gang Suppression Force (GSF) eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit den haitianischen Behörden die staatliche Kontrolle wiederherstellen soll. Angestrebt wird bis Herbst eine Stärke von 5500 Soldaten und Polizisten. Derzeit seien jedoch erst rund 500 GSF-Angehörige in Haiti eingetroffen, sagt Belliger. «Und es ist völlig unklar, wie weitere 5000 Personen finanziert, untergebracht und mit Lebensmitteln versorgt werden sollen.»

Wahlen im Dezember – Banden drohen Wählern

Für den 13. Dezember sind die ersten Wahlen seit zehn Jahren geplant. Seit Juli laufen die Wählerregistrierungen. Doch eine Mehrheit der Bevölkerung lebt in von Banden kontrollierten Gebieten, und die kriminellen Gruppen drohen damit, alle zu töten, die in einem Wahllokal erscheinen.

Belligers Kontakte auf der Insel rechnen nicht mit einer baldigen Verbesserung. «Die kriminellen Banden haben ein Interesse daran, den demokratischen Prozess zu sabotieren. Denn ein gestärkter Staat würde ihre Macht gefährden», sagt sie. Selbst wenn die Abstimmung stattfindet, ist laut Belliger mit einer sehr tiefen Wahlbeteiligung zu rechnen – und eine freie, für alle Bürgerinnen und Bürger zugängliche Wahl hält sie derzeit für kaum realisierbar.

Source: NZZ

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