Schusswunden übersehen: Rentner in Schottland erst Tage später als Mordopfer erkannt
Brian Low wurde erschossen in der Nähe von Aberfeldy gefunden – die Polizei stufte seinen Tod tagelang nicht als verdächtig ein. Nun verbüßt der Täter eine lebenslange Haftstrafe.
Mord an Hundeausführer: Polizei erkannte Schusswunden zunächst nicht
Wie Google News CH — Crime (de) berichtet, wurde Brian Low, ein 65-jähriger ehemaliger Platzwart, am Morgen des 17. Februar 2024 tot auf einem abgelegenen Weg namens Leafy Lane in der Nähe von Aberfeldy in Highland Perthshire aufgefunden. Sein Hund Millie war in der Nähe. Lows Gesicht und Hände waren mit Blut bedeckt – dennoch stufte die Polizei seinen Tod zunächst nicht als verdächtig ein.
Einer der ersten Kriminalbeamten am Tatort sagte später vor Gericht aus, er habe geglaubt, Lows Verletzungen deuteten auf einen Sturz beim Gehen hin. Erst eine Autopsie bestätigte, dass Low an Schussverletzungen gestorben war. Etwa 30 Wunden durch Schrotkugeln wurden an seinem Körper festgestellt; Schrotkugeln waren bereits aus dem Körper gefallen, bevor eine Untersuchung eingeleitet werden konnte.
Sechs Tage ohne gesicherten Tatort
Der Sicherheitsbereich am Fundort wurde erst am 23. Februar eingerichtet – sechs Tage nach dem Auffinden der Leiche. Kriminalhauptkommissar Martin MacDougall vom Team für schwere Ermittlungen räumte in der BBC-Dokumentation „Murder Trial: Death of a Dog Walker" ein: „Wenn es zu einer solchen Verzögerung kommt, kommen einem eine Reihe von Dingen in den Sinn, die wir möglicherweise in Bezug auf Beweismittel übersehen haben – Fußabdrücke auf dem Boden, Reifenspuren, Überwachungskameras." Die Mordermittlungen wurden schließlich zehn Tage nach dem Auffinden der Leiche offiziell eingeleitet.
Douglas Low, Brians Bruder, beschrieb die Gerichtsfotos der Leiche als „so entsetzlich, dass mir fast übel wurde". Er sagte: „Ich kann mir nicht vorstellen, warum irgendjemand behaupten sollte, es handele sich um einen medizinischen Notfall." Brians Nichte Jacqui Low ergänzte: „Es ist einfach unglaublich, dass sie die Spuren in seinem Gesicht, die Schusswunden, nicht gesehen haben."
Monatelange Ermittlungen, 800 Zeugen
Nach dem verspäteten Ermittlungsstart befragte die Polizei in den folgenden drei Monaten 800 Zeugen und wertete 2.400 Stunden Videomaterial von 56 Überwachungskameras aus. Da die Möglichkeit zur Sicherung forensischer Beweise am Tatort verpasst worden war, stützte sich die Anklage im Prozess auf Indizienbeweise.
Drei Monate nach dem Fund der Leiche wurde der pensionierte Wildhüter David Campbell festgenommen. Campbell hatte mehr als 20 Jahre lang neben Low auf dem nahegelegenen Edradynate Estate gearbeitet, wo Low als Platzwart und Campbell als Hauptjagdmanager tätig war.
Jahrzehntelanger Groll als Motiv
Die Anklage verknüpfte mehrere kleinere Beweisstücke zu einem Bild von Campbells angewachsenem Groll gegen Low. Die ortsansässige Bäuerin Sally Crystal, die Campbell seit der Jagdsaison 1987 kannte, beschrieb ihn zunächst als ausgezeichneten Wildhüter. Mit wachsendem Ansehen sei er jedoch „sehr arrogant" geworden. „David fing an, sich richtig schlecht zu benehmen, die Familie, die Edradynate leitete, begann ihm nicht mehr zu vertrauen", sagte Crystal vor Gericht.
Crystal schilderte auch eine Begegnung, die Campbells Haltung gegenüber Low deutlich machte: „Mindestens einmal unterhielt ich mich morgens mit Brian, als David an mir vorbeiging. Er drehte sich wütend zu mir um, weil ich an diesem Morgen etwas spät dran war und trotzdem noch Zeit gehabt hatte, mit Brian zu sprechen. Er ging weg und sagte: ‚Ich hasse diesen Mann. Ich hasse ihn.'"
Campbell hegte den Verdacht, dass Low Gegenstände „platziert" hatte, die bei einer Durchsuchung eines Hauses auf dem Edradynate-Anwesen gefunden worden waren – im Zusammenhang mit mehreren mutmaßlichen Fällen von Vogelvergiftung. Campbell selbst sagte aus, er habe seit 2017 keinen Kontakt mehr zu Low gehabt und nicht gewusst, dass dieser das Anwesen verlassen hatte, bis er es im Fernsehen sah.
Familie fordert Antworten
Pam Curran, 22 Jahre lang Lows Partnerin, sagte über ihn: „Ich glaube nicht, dass in seinem Körper auch nur ein Hauch von Boshaftigkeit zu finden war." Douglas Low erklärte, er habe nie gedacht, dass sein Bruder irgendwelche Feinde habe. „Wer würde Brian etwas antun wollen? Er war der gütigste und liebevollste Mensch, den man sich vorstellen kann."
Die Familie hat sich erstmals öffentlich in der zweiteiligen BBC-Dokumentation „Murder Trial: Death of a Dog Walker" geäußert, die die Ermittlungen und den Gerichtsprozess begleitet. Douglas Low brachte dabei seine Fassungslosigkeit über die frühen Fehler der Polizei zum Ausdruck: „Ich war sehr wütend und sehr traurig zugleich. Wie konnte das passieren?"
Der Dokumentarfilm begleitete zudem Staatsanwalt Greg Farrell bei der Fallvorbereitung gegen Campbell sowie den Verteidiger Tony Lenehan KC, der versuchte, die Chronologie der Anklage zu erschüttern und die Beweislage in Frage zu stellen.
David Campbell wurde wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.
Source: Google News CH — Crime (de)