Lockerbie-Prozess verzögert: Stasi-Akten als neues Beweismittel gegen mutmasslichen Bombenbauer

Fast 40 Jahre nach dem Bombenattentat auf Flug Pan Am 103 steht in den USA ein zweiter Libyer vor Gericht – doch neue Stasi-Dokumente bremsen den Prozessstart.

Lockerbie-Prozess verzögert: Stasi-Akten als neues Beweismittel gegen mutmasslichen Bombenbauer

Stasi-Dokumente werfen neuen Schatten auf den Fall Lockerbie

Fast vierzig Jahre nach dem Anschlag auf Flug Pan Am 103 mit 270 Todesopfern steht in Washington DC der mutmassliche Bombenbauer Abu Agila Masud vor einem amerikanischen Bundesgericht. Wie die NZZ berichtet, hat die Verteidigung kurz vor Prozessbeginn eine Verschiebung beantragt – wegen eines angeblich neu aufgetauchten Beweisstücks, das zunächst geprüft werden soll.

Der Anschlag und das erste Urteil

Am Abend des 21. Dezember 1988 explodierte an Bord einer Maschine der Pan Am, auf dem Weg von London nach New York, über der schottischen Kleinstadt Lockerbie eine Bombe. Alle 259 Insassen des Jumbo-Jets kamen ums Leben, ebenso elf Bewohner der Stadt. 190 der 270 Opfer waren amerikanische Staatsangehörige.

Im Januar 2001 verurteilte ein schottisches Gericht den libyschen Geheimdienstoffizier Abdelbasset al-Megrahi wegen 270-fachen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe. Ein mutmasslicher Komplize wurde freigesprochen – ein Umstand, der seither immer wieder Zweifel am Urteil nährt. Megrahi ist inzwischen verstorben.

Ein zweiter Angeklagter, neue Quellen

Abu Agila Masud, 74 Jahre alt, soll die Bombe konstruiert haben: Plastiksprengstoff, eingebaut in einen Kassettenrekorder, aufgegeben in einem Koffer am Flughafen Malta, umgeladen in Frankfurt am Main und London Heathrow. Ende 2022 brachte eine schwerbewaffnete amerikanische Spezialeinheit den Angeklagten ohne offizielles Auslieferungsverfahren aus seinem Wohnort in Tripolis in die USA. Seitdem sitzt Masud in Untersuchungshaft.

Im Vergleich zum früheren schottischen Verfahren stützt sich die amerikanische Staatsanwaltschaft auf Quellen aus drei Geheimdiensten: dem libyschen, der CIA und dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit der DDR – der Stasi. Besonders brisant sind zwei bisher unbekannte Dokumente aus dem Stasi-Archiv. Sie legen nahe, dass Masud auch für den Bombenanschlag auf die Westberliner Diskothek «La Belle» vom 5. April 1986 verantwortlich ist.

Widerrufenes Geständnis, verschwundenes Tonband

Das Strafverfahren stützt sich in erster Linie auf ein früheres Geständnis Masuds, das der Angeklagte inzwischen widerrufen hat. Er macht geltend, beim Verhör in Libyen unter Druck gesetzt und gefoltert worden zu sein. Mit den neuen Geheimdienstdokumenten versucht die Staatsanwaltschaft, das zurückgezogene Geständnis schriftlich zu untermauern.

Das zuständige Bundesgericht hat in einem Vorverfahren entschieden, dass der Inhalt des Geständnisses an der Hauptverhandlung vorgebracht werden darf. Das Gericht muss sich dabei auf ein Transkript stützen, weil das Originaltonband verschollen ist. Einer der Kronzeugen wird jener libysche Beamte sein, der Masud im Jahr 2012 – nach dem Sturz Muammar al-Ghadhafis – verhört hatte.

Die Rechtsgrundlage für das amerikanische Verfahren bildet eine gesetzliche Sonderregelung: US-amerikanische Gerichte können auch bei Verbrechen tätig werden, die ausserhalb der eigenen Grenzen begangen wurden, sofern sie sich an Bord eines in den USA registrierten Passagierflugzeugs ereignet haben.

Opferangehörige bestürzt über erneute Verzögerung

Die neuerliche Verschiebung des Prozesses hat bei Angehörigen der Opfer Bestürzung ausgelöst. «Nach so vielen Jahren der Ungewissheit wollen wir endlich wissen, wer für den Tod unserer Väter, Töchter und Geschwister verantwortlich ist», sagte eine Betroffene gegenüber den Medien.

Das iranische Alternativszenario

Masuds Verteidigung bestreitet nicht nur die Täterschaft ihres Mandanten, sondern stellt auch die grundlegende Täterschaftsthese infrage: Nicht Libyen, sondern Iran sei für den Anschlag verantwortlich. Hintergrund ist der mutmasslich versehentliche Abschuss eines iranischen Passagierflugzeugs durch die amerikanische Marine im Sommer 1988, bei dem alle 290 Insassen ums Leben kamen. Das Mullah-Regime schwor daraufhin Rache.

Nach diesem Szenario soll Iran für die Vergeltungsaktion die palästinensische Terrorgruppe PFLP-GC beauftragt haben. Deren Mitglieder verfügten über Erfahrung mit Anschlägen auf zivile Luftfahrt: Im Februar 1970 hatten sie eine Paketbombe in einer Swissair-Maschine deponiert, die nach der Explosion über Würenlingen abstürzte. Trotz verschiedener Indizien, die zunächst auf Iran und die PFLP-GC hindeuteten, fokussierten die schottischen Ermittler ihre Untersuchung schliesslich auf Libyen.

Die Rolle des Schweizer Geschäftsmanns Bollier

Am iranischen Szenario festhält bis heute Edwin Bollier, 89-jähriger Schweizer Geschäftsmann, der im Fall Lockerbie eine Schlüsselrolle spielt. Bollier unterhält nach wie vor ein Büro im Nova-Park in Zürich Albisrieden.

Im Trümmerfeld der Absturzstelle, das sich über mehrere hundert Quadratkilometer erstreckte, wurde ein einziges physisches Beweisstück sichergestellt, das eine Spur nach Libyen legt: ein Fragment, nicht grösser als ein Fingernagel, einen Millimeter dick und weniger als ein Gramm schwer. Es hatte sich nach der Explosion im Kragen eines Hemdes verfangen, das vermutlich kurz vor dem Anschlag auf Malta gekauft worden war.

Ob die Stasi-Akten aus Berlin nun den entscheidenden Durchbruch bringen – oder ob der Fall Lockerbie erneut im Labyrinth von Geheimdienstquellen, widerrufenen Geständnissen und konkurrierenden Szenarien stecken bleibt, wird sich zeigen, sobald der Prozess tatsächlich beginnt.

Source: NZZ