Aarau-Amokläufer Julien G.: Chronologie eines Lebens im Rückzug

Julien G. (43) soll am 30. August beim Aarauer Rave rund 40 Schüsse abgegeben und eine 22-Jährige getötet haben. Blick rekonstruiert seinen Lebenslauf.

Rückzug, Schizophrenie und ein Waffenarsenal: Was über Julien G. bekannt ist

Julien G. (43) soll in der Nacht auf den 31. August beim «Aarauer Rave» an der Schachenstrasse rund 40 Schüsse mit einer Kalaschnikow auf Feiernde bei der Pferderennbahn abgegeben haben. Maria S. (†22) kam dabei ums Leben, sechs weitere Personen wurden verletzt. Laut Polizei handelt es sich um Zufallsopfer. Blick listet auf, was bisher über den Lebenslauf des Schweizer Bürgers bekannt ist – und wo noch Lücken bestehen.

Kindheit und Schulzeit im Kanton Jura

Aufgewachsen ist Julien G. in Corban, einem Dorf der Gemeinde Val Terbi im Kanton Jura. Seine Eltern stammen aus Moutier. Ein ehemaliger Lehrer beschreibt gegenüber der «SonntagsZeitung» eine schöne, völlig normale Familie. Auch die Sekundarschule absolviert er im Tal. Sein damaliger Lehrer Vincent Eschmann erinnert sich an einen zurückhaltenden, freundlichen Schüler – nicht besonders isoliert. Bemerkenswert ist heute vor allem, dass sich fast ausschliesslich frühere Lehrpersonen überhaupt noch an ihn erinnern können.

Lehre als Metzger, kurze Anstellungen

Nach der Schule absolviert Julien G. eine Ausbildung als Metzger. Danach folgen weitere Jobs, die jeweils nur kurz dauern. Einen stabilen beruflichen Werdegang gibt es nicht.

Waffenkauf mit 23 Jahren

Laut Kantonspolizei Aargau erwirbt Julien G. im Alter von 23 Jahren zwei Pistolen sowie ein halbautomatisches Kalaschnikow-Sturmgewehr vom Typ AKS-74. Alle drei Waffen sind legal gekauft und ordentlich registriert. Nach heutigem Waffenrecht wäre der Erwerb der AK-74 nicht mehr möglich. Seine Eltern wissen davon nichts. Dass ihr Sohn über ein solches Arsenal verfügte, hätten sie nie geahnt, sagt der Vater im Interview mit dem «Quotidien Jurassien».

Psychische Erkrankung und Psychiatrieaufenthalt

In seinen Zwanzigern beginnt Julien G. sich zunehmend zu verschliessen. Laut seinem Vater entwickelt er eine Form der Paranoia, danach wird eine Schizophrenie diagnostiziert. Er wird in einer psychiatrischen Einrichtung in Delémont hospitalisiert – «weil er es nicht mehr aushielt, unter Menschen zu sein», wie der Vater dem «Quotidien Jurassien» sagt. Der Aufenthalt dauert drei Wochen und soll ihn traumatisiert haben. Danach hält er keine feste Anstellung mehr; er bezieht eine volle IV-Rente. Die Medikation wird nach und nach reduziert und schliesslich abgesetzt. Seit längerem ist er nicht mehr in ärztlicher Behandlung – was seinen Eltern missfällt.

Militärausbildung: widersprüchliche Angaben

An einer Medienkonferenz vom Mittwoch erklärten die Aargauer Behörden, Julien G. habe 2013 eine Ausbildung als Militärkoch absolviert, die Armee noch im selben Jahr verlassen und seine Dienstwaffe zurückgegeben. Sein Vater widerspricht: Sein Sohn sei nie im Militär gewesen. Die Staatsanwaltschaft hält auf Nachfrage der «SonntagsZeitung» fest, die Information sei bestätigt. Klar ist: 2013 war Julien G. bereits zwischen 29 und 30 Jahre alt.

Ein Leben als Phantom in Montsevelier

Als Erwachsener lebt er zunächst bei seinen Eltern. Diese suchen ihm schliesslich eine Wohnung – im Erdgeschoss eines umgebauten Bäckereigebäudes in Montsevelier, drei Kilometer von Corban entfernt. Dort bleibt er ein Phantom: Vorhänge fast immer geschlossen, kaum ein Wort mit den Nachbarn, kein Beitritt zum Schützenverein, keine Spuren im Netz, kein Foto. Seine Mutter kommt vorbei, um die Wäsche zu waschen.

Die Nacht der Tat

Die Eltern planen, ihren Sohn in Italien zu treffen. Am Tag vor der Tat schreibt er ihnen; sie gehen davon aus, er sei mit seinem weissen Bus abgefahren. Dann schickt er seiner Mutter eine Nachricht, er sei gut angekommen. In Wahrheit wissen die Eltern nicht, wo er sich aufhält.

In der Nacht auf Sonntag fährt Julien G. zur Schachenstrasse in Aarau, legt einen Teil des Weges zu Fuss zurück und eröffnet laut Polizei das Feuer auf die Menge. Auf dem Rückweg schiesst er mit einer Pistole auf ein wegfahrendes Auto. Julien G. hat keine bekannten Verbindungen in den Aargau.

Selbststellung und Schweigen

Kurz nach 1 Uhr stellt sich Julien G. auf dem Polizeiposten in Delémont. Beamte durchsuchen noch am selben Morgen seine Wohnung und das Elternhaus. Bei der ersten Einvernahme verweigert er die Aussage zur Sache. Vorbestraft war er nicht. Sein Motiv ist weiterhin unbekannt.

Namen gekürzt gemäss Redaktionsstandard.

Source: Blick

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