DJs Tekibo und Pencil nach Aarauer Rave-Schiesserei: «Kaum geschlafen seit drei Tagen»
Nach der tödlichen Schiesserei beim Aarauer Rave melden sich die DJs Tekibo und Pencil zu Wort. Ein 43-jähriger Schweizer wurde verhaftet.
DJs Tekibo und Pencil schildern die Nacht des Amoklaufs in Aarau
In der Nacht auf Sonntag, kurz nach 2.30 Uhr, fielen beim Aarauer Rave nahe der Pferderennbahn im Schachen Schüsse. Dabei wurden laut Blick zwei Waffen eingesetzt: eine Pistole oder Maschinenpistole sowie ein Sturmgewehr. Die 22-jährige Italienerin Maria S., wohnhaft in Oftringen AG, wurde getötet. Sechs weitere Personen erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die Kantonspolizei Aargau bezeichnete alle Verletzten als Zufallsopfer.
Tatverdächtiger stellte sich selbst der Polizei
In der Nacht auf Montag, kurz nach 1 Uhr, wurde ein 43-jähriger Schweizer aus dem Kanton Jura in Delsberg festgenommen. Er stellte sich den Behörden selbst. Die Kantonspolizei Aargau geht von einem Einzeltäter aus und bezeichnet die Tat mittlerweile als Amoktat. Im Raum stehen die Tatbestände vorsätzliche Tötung — teilweise versucht —, Mord — teilweise versucht —, mehrfache Gefährdung des Lebens sowie Widerhandlungen gegen das Waffengesetz.
«La Repubblica» und der «Corriere della Sera» berichteten unabhängig voneinander, beim Festgenommenen handle es sich um einen ehemaligen Armeeangehörigen, der wegen psychischer Probleme bereits mehrfach stationär behandelt worden sei. Zudem solle er die Tat gestanden haben. Die Kantonspolizei Aargau hat diese Angaben bislang nicht offiziell bestätigt; die Zeitungen berufen sich auf Quellen aus Ermittlerkreisen.
«Die Nacht war wunderschön — dann hörten wir die Schüsse»
Zwei Tage nach der Tragödie meldeten sich die DJs Tekibo und Pencil in einem gemeinsamen Statement auf Instagram zu Wort. «Die letzten Tage lassen sich nur schwer in Worte fassen. Wir haben das Bedürfnis, zu erzählen, was wir erlebt haben — vor allem, weil bereits so viele falsche Informationen verbreitet werden», schreiben sie.
Die Nacht selbst beschreiben die beiden Musiker als ausgelassen: Man habe gelacht, getanzt, gelebt. «Wir haben nichts als Liebe gespürt», heisst es in ihrem Post. Dann hörten sie die Schüsse von draussen. Menschen rannten in alle Richtungen und suchten Schutz.
Den entscheidenden Moment schildern sie so: Eine Freundin, die Maria S. nahestanden, rief sie an und berichtete, dass Maria angeschossen worden sei. «Dieser Anruf hat uns den Boden unter den Füssen weggezogen», schreiben Tekibo und Pencil.
Kritik an Medienberichterstattung und falschen Spendenaktionen
Die beiden Künstler kritisieren offen den Umgang der Medien mit dem Ereignis. «Wir waren dort. Die Medien nicht», schreiben sie und appellieren: «Bitte macht aus Gerüchten keine Fakten. Es gibt noch keine endgültigen offiziellen Antworten der Behörden.»
Neben der Berichterstattung stören sich Tekibo und Pencil auch daran, dass Personen ohne Zustimmung der Familie Spendenaktionen gestartet hätten. Versuche, Kontakt aufzunehmen, seien respektlos behandelt und Nachrichten ignoriert worden. Mittlerweile gibt es ein offizielles GoFundMe für die Familie von Maria S., das mit Zustimmung der Eltern eingerichtet worden sei.
Auch innerhalb der Community sei ein fragwürdiger Wettbewerb entstanden: «Menschen geben falsche Interviews. Es geht nicht mehr um die Tragödie. Es ist zu einem Wettbewerb darum geworden, wer als Held dargestellt wird», schreiben die DJs.
«Wir brauchen keine Schlagzeilen. Wir brauchen Privatsphäre.»
Die persönliche Erschöpfung der beiden ist greifbar. «Wir trauern. Wir haben seit drei Tagen kaum geschlafen. Wir werden mit Interviewanfragen bombardiert, ohne dass überhaupt jemand fragt, ob es uns gut geht», schreiben sie. Und weiter: «Uns geht es nicht gut. Wir brauchen keine Schlagzeilen. Wir brauchen keine Spekulationen. Wir brauchen Privatsphäre.»
Trotz allem wollen Tekibo und Pencil der Musik nicht den Rücken kehren. «Musik ist unsere Freiheit. Musik ist unsere Stimme. Musik ist unsere Verbindung. Wir werden weiterhin zusammenstehen — für M., für unsere Community, für unsere Freiheit», schliessen sie ihr Statement.
Familie von Maria S. fordert lückenlose Aufklärung
Auch der Vater der getöteten Maria S. hat sich über seinen Anwalt Bruno Gallo geäussert. In einer Stellungnahme heisst es: «Für die Familie steht weiterhin ein Aspekt im Mittelpunkt: Maria wurde im Alter von nur 22 Jahren ermordet und die Umstände des Verbrechens sind noch nicht vollständig geklärt.»
Die bislang bekannt gewordenen Informationen liessen es nicht zu, die Rekonstruktion des Sachverhalts als abgeschlossen zu betrachten, heisst es weiter. «Die Hypothese einer Tat, die auf einen vermeintlichen Amoklauf zurückzuführen ist, kann weder alle Fragen klären noch eine gründliche Aufklärung ersetzen. Die Familie fordert daher, dass die Ermittlungen mit grösster Sorgfalt fortgesetzt werden.»
Die Familie betonte ausserdem, dass Maria als «Tochter Italiens» nicht allein gelassen werden dürfe: «Italien muss ihr zur Seite stehen und sie endgültig zu Hause mit den Ehren und der Würde empfangen, die ihr zustehen.»
Die Kantonspolizei Aargau informierte am Mittwoch an einer Medienkonferenz über die weiteren Ermittlungserkenntnisse. Blick berichtet fortlaufend über den Fall.
Source: Blick