Bremer Polizei verzeichnet Rekordanstieg bei Vermisstenfällen – 4360 Fälle im Jahr 2023
Die Zahl der Vermissten in Bremen erreichte 2023 mit 4360 Fällen einen Höchststand. Demografischer Wandel und entlaufene Minderjährige gelten als Hauptursachen.

Bremer Vermisstenstelle meldet anhaltenden Anstieg der Fallzahlen
Die Zahl der Vermisstenfälle in Bremen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Wie Google News DE — Crime (de) unter Berufung auf den Weser Kurier berichtet, wurde 2023 mit 4360 gemeldeten Fällen ein bisheriger Höchststand erreicht. Im laufenden Jahr wurden bislang 2995 Fälle registriert.
Zuständig für diese Fälle ist die Vermisstenstelle der Polizei Bremen – eine Einheit, die organisatorisch der Mordkommission zugeordnet ist. Polizeisprecherin Franka Haedke begründet diese Anbindung mit der Notwendigkeit, frühzeitig einschätzen zu können, ob hinter einem Verschwinden ein Tötungsdelikt stecken könnte. „Gerade bei Vermisstenfällen ist es von entscheidender Bedeutung, frühzeitig zu erkennen, ob möglicherweise ein Tötungsdelikt vorliegt", sagt Haedke. Die kriminalistische Erfahrung des Referats für Gewaltdelikte biete dabei wesentliche Vorteile.
Zwei Hauptursachen für den Anstieg
Eine genaue Statistik zur Entwicklung der Fallzahlen führt die Bremer Polizei nicht. Haedke nennt jedoch zwei zentrale Gründe für den Anstieg: den demografischen Wandel mit einer wachsenden Zahl älterer und demenzkranker Menschen, die dazu neigen, sich zu entfernen, sowie die steigende Zahl von Kindern, Jugendlichen und unbegleiteten Minderjährigen, die aus Inobhutnahmestellen weglaufen.
Nicht alle gemeldeten Fälle erfordern dabei umfangreiche Ermittlungen. Viele Betroffene seien nur vorübergehend abgängig und kehrten nach kurzer Zeit selbstständig zurück oder würden im Zuge einfacher Maßnahmen rasch aufgefunden, ordnet Haedke die Zahlen ein.
Zwei Spezialisten, breite Einsatzmöglichkeiten
In der Vermisstenstelle arbeiten derzeit zwei Spezialisten, die jeden eingehenden Fall bewerten, prüfen und bearbeiten. Bei aufwendigeren Ermittlungen werden weitere Beamte aus dem Referat hinzugezogen.
Sobald eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden kann, leitet die Polizei eine Fahndung ein. In Bremen erfolgt dabei in der Regel unverzüglich eine Funkfahndung. Zusätzlich werden die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) und Taxizentralen gebeten, in ihren Bereichen nach der vermissten Person Ausschau zu halten. Je nach Einzelfall kommen auch Spürhunde, Taucher oder eine öffentliche Medienfahndung zum Einsatz.
Als Beispiel erinnert Haedke an eine seit 1993 vermisste Frau, deren Überreste auf dem Grund des Tietjensees bei Schwanewede vermutet wurden. 2018 wurde der See zunächst mit Tauchern abgesucht und schließlich sogar leergepumpt – ohne Erfolg. Von der Frau fehlt bis heute jede Spur.
Erwachsene haben das Recht zu verschwinden
Bei erwachsenen Vermissten ohne erkennbare Gefahrenlage sind der Polizei rechtliche Grenzen gesetzt. Wer im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte ist, darf seinen Aufenthaltsort frei wählen und muss diesen weder Angehörigen noch Behörden mitteilen. „Ohne Gefahr für Leib oder Leben ist es nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchzuführen", betont Haedke.
Anders gilt dies für Minderjährige: Bei Personen unter 18 Jahren wird grundsätzlich eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen, weshalb stets nach ihnen gesucht wird.
Wird eine vermisste erwachsene Person gefunden, entscheidet sie selbst, ob Angehörige über ihren Aufenthaltsort informiert werden dürfen. Ist die Person wohlauf, kein Opfer einer Straftat und hat selbst keine Straftat begangen, gilt der Fall für die Polizei als abgeschlossen.
Ungeklärte Fälle werden Jahrzehnte aufbewahrt
Ungeklärte Vermisstenfälle müssen von der Polizei mindestens 30 Jahre lang aufbewahrt werden. Auch nach dieser Frist gerieten solche Fälle bei der Bremer Polizei nicht in Vergessenheit, so Haedke. Sie würden in festgelegten Abständen erneut bewertet und bei neuen Erkenntnissen erneut aufgegriffen.
Die Zahl der langfristig ungeklärten Fälle hält sich in Bremen laut Polizei in überschaubarem Rahmen. Bei Personen, die seit zehn bis dreißig Jahren vermisst werden, bewege sich die Zahl im niedrigen zweistelligen Bereich.
Fall Sybille Lars: Seit 20 Jahren spurlos verschwunden
Zu den ungeklärten Fällen gehört das Verschwinden von Sybille Lars aus Bremen-Horn vor zwanzig Jahren. Die damals 39-Jährige gilt nach Einschätzung der Polizei als Mordopfer. Die Ermittlungen verliefen jedoch im Sand. Ihr Sohn akzeptiert diesen Stillstand nicht und kämpft weiter um Aufklärung.
Source: Google News DE — Crime (de)