Gedenkfeier in München: 25 Jahre nach NSU-Mord an Habil Kılıç

Der Türkenrat erinnerte in der Bad-Schachener-Straße an Habil Kılıç, das erste NSU-Opfer in München. Er wurde am 29. August 2001 in seinem Gemüseladen erschossen.

Gedenkfeier in München: 25 Jahre nach NSU-Mord an Habil Kılıç

Stilles Gedenken an der Bad-Schachener-Straße

Vor dem Haus Bad-Schachener-Straße 14 im Osten Münchens fand am Samstag eine kleine Gedenkfeier statt — genau dort, wo Habil Kılıç am 29. August 2001 in seinem Gemüseladen erschossen wurde. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, organisierte der Türkenrat München die Veranstaltung zum 25. Jahrestag des Mordes.

Kılıç war das vierte Todesopfer der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) und das erste in München. Vier Jahre später wurde in der Stadt auch Theodoros Boulgarides erschossen. Von den insgesamt zehn NSU-Opfern hatten bis auf Polizistin Michèle Kiesewetter alle eine Migrationsgeschichte.

Appell gegen Rassismus und Fanatismus

Sami Demirel vom Türkenrat appellierte an die Gesellschaft, „sensibel gegenüber jeglicher Form von wachsendem Rassismus, Gewalt, Fanatismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zu sein". Der Türkenrat hatte ein Plakat mit den Fotos aller zehn NSU-Opfer an die Hauswand gelehnt. Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) legte am Samstagvormittag ohne Pressebegleitung einen Blumenkranz der Stadt nieder. Jemand hinterließ daneben einen kleinen Strauß mit einem handgeschriebenen Zettel: „Habil, wir haben dich nicht vergessen!"

Kılıç war 38 Jahre alt, als er starb. Seine Tochter verlor mit zwölf Jahren ihren Vater. Die Angehörigen suchen nach wie vor nicht die Öffentlichkeit.

„Historische Schuld des Staates"

Markus Rinderspacher (SPD), Vizepräsident des Bayerischen Landtags, erinnerte daran, dass die Familie Kılıç damals auch ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verloren habe. Die Witwe habe einmal geäußert, sie habe das Gefühl gehabt, selbst gestorben zu sein. Dass Gesellschaft und Sicherheitsbehörden das Entstehen einer mordenden rechtsextremen Terrorzelle nicht erkannt hätten, bezeichnete Rinderspacher als „historische Schuld unseres Staates".

Zu lange seien staatliche Institutionen dem Geschehen „mit Ignoranz begegnet". Er verwies zudem darauf, dass viele Familien der NSU-Opfer damals von der Polizei unter Verdacht gestellt worden seien — eine zweite, tiefe Verletzung. Als Konsequenz forderte Rinderspacher eine Intensivierung der politischen Bildung, besonders für junge Menschen. Für den Mord an Kılıç gelte: „Kein Vergessen. Kein Schlussstrich."

Islamophobie auf dem Vormarsch

Mehmet Hacısalihoğlu, Professor und Leiter des Lehrstuhls für Turkologie an der Ludwig-Maximilians-Universität, berichtete von einer ihn beunruhigenden Beobachtung: Seit seiner Ankunft in Deutschland 1992 habe er noch nie so viele islamophobe Gespräche mitgehört wie derzeit. Rassismus, so Hacısalihoğlu, treffe nicht nur die jeweils ausgegrenzte Gruppe — er beschädige schnell alle Menschen in Deutschland.

Der emeritierte Wirtschaftsprofessor Kemal Orak weitete den Blick auf die strukturellen Versäumnisse im Umgang mit den NSU-Morden: „Zur Wahrheit gehört auch die Gewalt des Nicht-Erkennens, die Gewalt des Nicht-Glaubens" und die „eines Blicks, der nicht zuerst den Menschen sieht, sondern seine vermeintliche Herkunft." Orak versprach, die Erinnerung wachzuhalten: „Zum Glück kann man Erinnerung nicht morden."

Source: Süddeutsche Zeitung

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