Sabotage an Umspannwerken: Verdächtiger aus NRW auf der Flucht
Ein mutmaßlicher Einzeltäter bekennt sich in zwei handschriftlichen Schreiben zu Anschlägen auf die Stromversorgung in Brandenburg und NRW. Die Polizei fahndet nach dem 1977 geborenen Deutschen aus Gevelsberg.

Fahndung nach Saboteur: Bekennerschreiben zu Stromnetz-Angriffen für authentisch befunden
Nach einer Serie mutmaßlicher Anschläge auf Umspannwerke und Stromleitungen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen fahndet die Polizei nach einem deutschen Staatsangehörigen aus Gevelsberg. Wie Deutsche Welle berichtet, liegen den Ermittlern zwei handschriftliche Bekennerschreiben vor, die nach Einschätzung des ARD-Hauptstadtstudios für authentisch gehalten werden.
Im ersten Schreiben erklärt der Verfasser, er habe „Kurzschlüsse im Stromnetz rund um die Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe verursacht". Als Motiv nennt er den Kampf gegen die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen, die er als Verbrechen bezeichnet. Medien und Staat wirft er Untätigkeit vor. Zudem bezieht er sich auf den Nahostkonflikt und beschuldigt Deutschland, einen „Völkermord in Palästina" zu unterstützen. Nach eigenen Angaben habe er die Taten allein geplant und ausgeführt, ohne jemanden einzuweihen.
Dem ersten Schreiben liegt ein weiteres Blatt bei, auf dem der Verfasser die technische Durchführung der Anschläge schildert. Dieses mutmaßliche Täterwissen gilt den Ermittlern als wesentlicher Grund für die Einschätzung, dass die Schreiben echt sind. In einem zweiten Schreiben reklamiert der Mann Angriffe auf die Stromversorgung bei Gohr, Bergheim-Rheidt, Dormagen und Weisweiler in Nordrhein-Westfalen für sich. Beide Schreiben sind mit einem vollständigen Namen unterschrieben, dessen Echtheit jedoch noch nicht abschließend bestätigt ist.
Bei dem Tatverdächtigen soll es sich um einen 1977 geborenen deutschen Staatsangehörigen handeln. Die Polizei durchsuchte bereits am Donnerstag seinen Wohnort in Gevelsberg, traf ihn dort jedoch nicht an. Eine Fahndung wurde eingeleitet.
Einsätze in NRW und Entwarnung in Niedersachsen
Am Freitag rückten zahlreiche Einsatzkräfte zum Kraftwerk Weisweiler bei Aachen aus, nachdem Hinweise aus dem Bekennerschreiben vorlagen. Mitarbeiter der Spurensicherung untersuchten in Schutzanzügen und mit Atemschutz mehrere Stellen auf einem Feld und in einem Gebüsch nahe des Kraftwerks sowie eines Umspannwerks in Eschweiler. Die Polizei bestätigte lediglich, dort „Hinweisen" nachzugehen. Ob Funde gemacht wurden, blieb zunächst offen.
Bereits am Donnerstagabend war an einem Umspannwerk in Dormagen ein weiterer möglicher Sabotageversuch entdeckt worden. Ein Spaziergänger fand dort einen verdächtigen Gegenstand, bei dem es sich nach Polizeiangaben um eine Art Abschussvorrichtung handeln soll. Ähnliche Vorrichtungen waren zuvor in Bergheim bei Köln sowie nahe dem Kraftwerk Jänschwalde in Brandenburg sichergestellt worden. Mit diesen Vorrichtungen wurde leitfähiges Material in Stromleitungen geschossen, was Kurzschlüsse auslöste.
An einem Umspannwerk im niedersächsischen Ganderkesee gab es dagegen Entwarnung: Eine nächtliche Überprüfung ergab lediglich einen offenen Schaltschrank, weder Beschädigungen noch Personen wurden auf dem Gelände festgestellt.
Bundesinnenministerium sieht Zusammenhang mit Landtagswahlen
Das Bundesinnenministerium hält es für möglich, dass die Häufung der Sabotageversuche mit den bevorstehenden Landtagswahlen zusammenhängt. Ein Ministeriumssprecher erklärte in Berlin, es gebe die „Erwartung, dass dies zunehmen kann". In Sachsen-Anhalt wird an diesem Sonntag gewählt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern am 20. September.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann kündigte als Reaktion auf die Anschläge ein neues Sicherheitszentrum zum Schutz kritischer Infrastruktur an. „Die Anzeichen verdichten sich, dass beide Attacken Teil eines koordinierten Angriffs auf unsere Energieversorgung sind", sagte Redmann.
Siemens-Energy-Chef warnt vor zunehmender Bedrohung
Siemens-Energy-Chef Christian Bruch erklärte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, die Energieinfrastruktur in Deutschland werde stärker angegriffen als in anderen europäischen Ländern. „Wir müssen anerkennen, dass kritische Infrastruktur nicht vollumfänglich geschützt werden kann. Aus meiner Sicht hat die Bedrohungslage über die letzten zwölf bis 18 Monate deutlich zugenommen", so Bruch. Er forderte die rasche Ausarbeitung eines zivilen Operationsplans für Krisenfälle und warnte: „Man muss akzeptieren, dass dies alles Anzeichen von hybriden Angriffen sein können."
BKA registriert über 165 Sabotageverdachtsfälle in 2024
Dem Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR liegt ein vertrauliches Lagebild des Bundeskriminalamtes (BKA) vor. Demnach haben die Behörden für das laufende Jahr — mit Stand Ende August — bereits mehr als 165 Sabotageverdachtsfälle in Deutschland registriert. Dazu zählen auch Ausspähungssachverhalte ohne unmittelbares Tatmittel.
Die Sicherheitsbehörden stehen nach Angaben des Bundesinnenministeriums regelmäßig mit der Wirtschaft im Austausch, um kritische Infrastruktur wie Strom- und Wasserversorgung sowie das Gesundheitssystem zu schützen. Bestehende Schutzmaßnahmen seien umfassend, Nachholbedarf bestehe jedoch etwa bei der Erkennung und Abwehr von Drohnen.
Source: Deutsche Welle