Bandenmassaker in Kenscoff: mindestens 40 Tote bei Nachtangriff in Haiti
Bewaffnete Mitglieder der Bande Viv Ansanm töteten in einem Vorort von Port-au-Prince Dutzende Menschen und stürmten eine Kirche. Die Gewalt verdeutlicht die anhaltende Sicherheitskrise in Haiti.

Bandenmassaker in Kenscoff erschüttert Haiti
Rund 40 Menschen sind bei einem nächtlichen Überfall bewaffneter Bandenmitglieder im haitianischen Vorort Kenscoff ums Leben gekommen, wie ORF am Montag berichtete. Bürgermeister Jean Massillon bestätigte der Nachrichtenagentur AFP die Opferzahl, wies jedoch darauf hin, dass Zugangsschwierigkeiten und Kommunikationsprobleme eine endgültige Bilanz weiterhin unmöglich machten. Andere lokale Medien sowie die UNO sprachen von bis zu 47 Toten.
„Sie haben mehrere Menschen hingerichtet", sagte Massillon. Neben den Toten gebe es Dutzende Verletzte, mehrere Personen würden noch vermisst, und einige seien entführt worden. Die Suche nach Überlebenden dauere an.
Kirche mit Vertriebenen gestürmt
Kenscoff liegt rund zehn Kilometer südlich der Hauptstadt Port-au-Prince und galt lange als vergleichsweise friedliche Wohngegend. In der Nacht auf Montag attackierten die Angreifer nach Angaben des Radiosenders Tele Galaxie das Zentrum der landwirtschaftlichen Gemeinde, setzten zahlreiche Häuser in Brand und stürmten eine Kirche, in der sich Vertriebene aufhielten. Der Polizei gelang es schließlich, die Angreifer zurückzudrängen und die Kontrolle über das Gebiet wiederzuerlangen.
Bürgermeister Massillon machte Mitglieder der Bande Viv Ansanm für den Angriff verantwortlich. Die US-Regierung hatte die Gruppe im vergangenen Jahr als ausländische terroristische Organisation eingestuft. Einwohnerinnen und Einwohner forderten am Montag den Rücktritt des örtlichen Polizeichefs und erklärten, Beamte hätten Menschen nicht geschützt, die nur wenige Minuten von der Polizeistation entfernt getötet worden seien.
Übergangsregierung spricht von „abscheulichem Übergriff"
Die haitianische Übergangsregierung bestätigte den Angriff, nannte jedoch keine Opferzahl. Sie sprach von einem „abscheulichen kriminellen Übergriff". Ministerpräsident Alix Didier Fils-Aime bekundete sein „tiefes Mitgefühl" für die Angehörigen der Opfer. Die Sicherheitskräfte seien in höchste Alarmbereitschaft versetzt und Verstärkungen entsendet worden.
Bereits im Juli kam es laut lokalen Berichten in der Region zu einem ähnlichen Angriff mit über 100 Toten und Tausenden Vertriebenen. Seit Monaten bekämpfen sich in Kenscoff bewaffnete Gruppen, die ihren Einfluss in der Region auszuweiten versuchen.
Internationale Sicherheitsmission mit begrenzter Wirkung
Haitianische Sicherheitskräfte gehen derzeit im ganzen Land mit Unterstützung einer internationalen UNO-Truppe sowie eines privaten US-Militärunternehmens gegen die Banden vor. Die sogenannte Gang Suppression Force (GSF) ist seit Juni im Einsatz. Die UNO-Truppe strebt an, im Herbst eine Stärke von mehr als 5.500 Einsatzkräften zu erreichen. Ob die Truppen auch die Sicherheit in Kenscoff verstärken würden, beantwortete ein Sprecher nicht.
Die „Haitian Times" schreibt, der Angriff verdeutliche die Schwierigkeiten, mit denen die haitianischen Behörden bei der Eindämmung bewaffneter Gruppen konfrontiert sind — trotz verstärkter Sicherheitsoperationen und des GSF-Einsatzes. Bereits erzielte Erfolge blieben fragil, da Banden weiterhin große Teile der Hauptstadt und des Umlands kontrollierten.
UNO-Generalsekretär António Guterres verurteilte die jüngsten Taten scharf und forderte die örtlichen Behörden auf, „sicherzustellen, dass die Verantwortlichen für derartige Angriffe zur Rechenschaft gezogen werden".
Fast 20.000 Tote seit 2021
Seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 hat Haiti kein Staatsoberhaupt mehr. Das entstandene Machtvakuum füllten kriminelle Banden rasch aus. Laut UNO wurden seither im ganzen Land fast 20.000 Menschen getötet. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres kamen 3.100 Menschen durch Bandengewalt ums Leben, rund 1.200 weitere wurden verletzt und fast 100 entführt.
Rund 1,5 Millionen Haitiannerinnen und Haitianer wurden bereits vertrieben. Die im Land Verbliebenen leben häufig in extremer Armut und leiden unter Mangel an Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten. Die UNO beschreibt die Banden als Gruppen, die töten, vergewaltigen, terrorisieren, Gebäude anzünden, Kinder rekrutieren und alle Ebenen der Gesellschaft infiltrieren. Sexuelle Gewalt werde gezielt eingesetzt, um die Bevölkerung einzuschüchtern, zu unterdrücken und zu bestrafen.
Wahl im Dezember steht auf dem Spiel
Haiti ist das ärmste Land des amerikanischen Kontinents. In der Karibik-Republik mit knapp zwölf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern soll am 13. Dezember erstmals seit 2016 wieder gewählt werden. Der Wahlprozess einschließlich Wählerregistrierung habe laut „Haitian Times" bereits begonnen, doch stelle die Sicherheitslage weiterhin ein großes Hindernis dar.
Auch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) warnte zuletzt, dass Haitis Sicherheitskräfte zusätzliches Personal, Ausrüstung und finanzielle Mittel benötigen würden, um die Voraussetzungen für eine Wahl zu schaffen. Der Angriff auf Kenscoff dürfte dieses Vorhaben weiter erschweren.
Source: ORF