Mindestens 47 Tote bei Bandenüberfall auf Kenscoff nahe Port-au-Prince
Bewaffnete Banden griffen den Vorort Kenscoff an, töteten laut UNO mindestens 47 Menschen und entführten über 50 weitere. Haiti bereitet sich auf Wahlen im Dezember vor.

Bewaffneter Bandenüberfall in Kenscoff: 47 Tote, über 50 Entführte
Bei einem nächtlichen Überfall auf den Vorort Kenscoff südlich von Port-au-Prince haben bewaffnete Banden laut UNO mindestens 47 Menschen getötet. Wie die UN-Mission für Haiti (BINUH) mitteilte, wurden zudem mehr als 50 weitere Personen entführt und 22 verletzt.
Die Angreifer stürmten das Ortszentrum, legten zahlreiche Häuser in Brand und drangen in eine Kirche ein, in der Vertriebene Schutz gesucht hatten. In der Kirche selbst kamen laut den Vereinten Nationen 22 der Opfer ums Leben.
Strategische Bedeutung von Kenscoff
Kriminelle Banden versuchen seit Jahren, Kenscoff unter ihre Kontrolle zu bringen, wie SRF berichtet. Die bergige Gemeinde liegt rund zehn Kilometer südlich der Hauptstadt und ermöglicht die Überwachung wichtiger Strassenverbindungen. In unmittelbarer Nähe befindet sich Pétion-Ville, ein vergleichsweise wohlhabender Vorort, in dem zahlreiche Institutionen, Botschaften und Banken ihren Sitz haben.
Der Journalist und Haiti-Kenner Toni Keppeler verweist zudem auf die Sendemasten in Kenscoff, über die die Regierung kommuniziert. «Das heisst, wer Kenscoff kontrolliert, kontrolliert den Zugang zur Hauptstadt und kann die Regierung von Kommunikation abschneiden», sagt Keppeler.
Die angreifende Gruppierung
Die Täter gehören einem Zusammenschluss mehrerer Gangs an, der zynischerweise «Zusammenleben» heisst. «Die Gruppe besteht aus ein paar 1000 Männern und ist vor etwa zwei Jahren entstanden, um Kriege zwischen den einzelnen Gangs zu verhindern und zu grossen Überfällen in der Lage zu sein», erklärt Keppeler.
Haitis anhaltende Sicherheitskrise
Haiti ist das ärmste Land des amerikanischen Kontinents und zählt knapp zwölf Millionen Einwohner. Seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 verfügt das Land über kein gewähltes Staatsoberhaupt. Gewalttätige Banden kontrollieren mindestens 70 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince — sie terrorisieren Gemeinden, vergewaltigen Frauen und rekrutieren Kinder für kriminelle Zwecke.
Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres töteten bewaffnete Banden laut UN-Daten 2300 Menschen in Haiti. Mehr als 1100 weitere wurden verletzt, fast 100 entführt.
Reaktion der Übergangsregierung
Die haitianische Übergangsregierung bestätigte den Angriff, nannte jedoch keine genaue Opferzahl. Sie bezeichnete ihn als «abscheulichen kriminellen Übergriff» und versetzte die Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft. Verstärkungen wurden entsandt; der Polizei gelang es schliesslich, die Angreifer zurückzudrängen und die Kontrolle über das Gebiet zurückzugewinnen.
Gründe für den Zeitpunkt des Angriffs
Die Banden stehen in den letzten Monaten zunehmend unter Druck, wie Keppeler erläutert. Die Übergangsregierung bilde so schnell wie möglich neue Polizisten und Soldaten aus und habe bereits mehrere Stadtviertel in Port-au-Prince zurückerobert. Parallel dazu werde eine internationale Eingreiftruppe aufgebaut, die dereinst rund 5500 Personen umfassen und die haitianischen Sicherheitskräfte unterstützen soll.
Für Keppeler könnte genau das ein Auslöser des Überfalls gewesen sein: «Die Gangs könnten versuchen, strategisch wichtige Orte für sich einzunehmen, bevor die Eingreiftruppe zur vollständigen Stärke ausgebaut wird.» Daneben handle es sich womöglich um eine Machtdemonstration. «Die Gangs wollen zeigen: Wir sind immer noch mächtig. Wir können immer noch das tun, was wir wollen», so der Journalist.
Wahl im Dezember unter schwierigen Bedingungen
Haiti bereitet sich derzeit auf die ersten allgemeinen Wahlen seit mehr als einem Jahrzehnt vor. Knapp sechs Millionen Einwohner sind für den 13. Dezember zur Stimmabgabe aufgerufen. Eine glaubwürdige Durchführung gilt unter den aktuellen Sicherheitsbedingungen jedoch als äusserst schwierig.
Laut Keppeler finden die Wahlen hauptsächlich auf Druck der internationalen Gemeinschaft statt, die wieder eine gewählte und legitimierte Regierung als Ansprechpartnerin haben möchte. «Die aktuelle Übergangsregierung hat zwei Prioritäten: erstens die Sicherheit wiederherzustellen und zweitens die Wahlen wieder stattfinden zu lassen. Und das meint sie auch zeitlich so», sagt Keppeler. Es sei nicht zu erwarten, dass die Sicherheitslage bis zum ersten Wahlgang im Dezember so weit stabilisiert werden könne, dass landesweit ein geordneter Ablauf möglich sei.
Source: SRF