Mord hinter der Theke: Die dunkle Geschichte der Lugano-Bar an der Langstrasse

Ein Barkeeper stirbt 2023 nach einem Messerangriff in der Zürcher Lugano-Bar – SRF beleuchtet die jahrzehnte­lange Geschichte des berüchtigten Lokals.

Mord hinter der Theke: Die dunkle Geschichte der Lugano-Bar an der Langstrasse

Von der Arbeiterkneipe zum Tatort: Die Lugano-Bar an der Langstrasse 108

Ein älterer Herr trinkt ein Bier an der Holztheke. Vor ihm, hinter eben dieser Theke, wurde vor drei Jahren ein Barkeeper ermordet. Frauen warten auf Freier. Das ist die Gegenwart der Lugano-Bar an der Langstrasse 108 in Zürich – wie SRF in einer Recherche schildert.

Im Sommer 2023 betrat ein damals 50-Jähriger die Kontaktbar, sprühte dem Barkeeper unvermittelt Pfefferspray ins Gesicht und stach mit einem 13 Zentimeter langen Messer mindestens siebenmal auf ihn ein. Lunge, Niere und Milz wurden dabei verletzt. Der Barmann verblutete noch vor Ort.

Laut Staatsanwaltschaft lag der Tat ein über Monate gewachsener Wahn zugrunde. Der Täter suchte im Langstrassenquartier nach einer Frau namens «Debora» und nach einem Kind, das er für sein eigenes hielt. Als seine Suche ergebnislos blieb, gelangte er zur Überzeugung, Personen aus dem Umfeld der Lugano-Bar würden ihn täuschen und die beiden vor ihm verbergen.

Gut zwei Monate nach der Tat nahm die Polizei den Mann fest. Videoaufnahmen, Bewegungsdaten und ausgewertete Handydaten brachten ihn nach Einschätzung des Gerichts mit dem Tatort in Verbindung. Die Kleider, die auf Kamerabildern zu sehen waren, fanden die Ermittler bei ihm. Das mutmassliche Tatmesser lag auf seinem Nachttisch – in Ungarn, wohin er nach der Tat vorübergehend zurückgekehrt war.

Das Bezirksgericht Zürich verurteilte den heute 53-Jährigen wegen Mordes zu 13 Jahren und fünf Monaten Freiheitsstrafe. Ein psychiatrisches Gutachten diagnostizierte unter anderem eine paranoide Schizophrenie und bezeichnete ihn als «unberechenbar und gewaltbereit». Nach Verbüssung der Strafe soll er für zwölf Jahre des Landes verwiesen werden. Der Mann mit ungarischer Staatsbürgerschaft bestreitet die Tat; sein Verteidiger hatte Freispruch verlangt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Wegen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung nahm er am Gerichtsprozess im Krankenbett teil.

Ein Haus mit zwei Morden

Es war nicht die erste Bluttat in diesem Gebäude. Anfang 2002 fielen im Treppenhaus mehrere Schüsse. Die eintreffende Polizei fand zwei Leichen. Der damalige Stadtpolizeisprecher Marco Cortesi sprach von einem «verheerenden Bild».

Auslöser war ein eskalierter Streit: Eine Frau klopfte an der falschen Tür im Haus, als sie ihren Liebhaber besuchen wollte. Der Nachbar schlug ihr ins Gesicht. Als ihr Freund davon erfuhr, schoss er zunächst auf sie – weil sie ihn von einer Gegengewalt abhalten wollte –, dann auf den Nachbarn.

Nach diesem Vorfall hegte der Geschäftsmann Rico Caprez grosse Pläne. Er kaufte das gesamte Haus mitsamt der Bar und wollte daraus ein Hotel für gewöhnliche Gäste machen. Die Lugano-Bar sollte bleiben, das Milieu verschwinden. Der Plan scheiterte. Später gelangte das Haus nach Medienberichten in die Hände einer zentralen Figur des Rotlichtmilieus – eines Mannes, den man an der Langstrasse «Papi» nennt.

Zwangsprostitution und beengte Verhältnisse

Spätestens während der Corona-Pandemie wurde öffentlich sichtbar, unter welchen Bedingungen die Bewohnerinnen über der Bar lebten. Nach zwei positiven Corona-Tests mussten 2020 alle Bewohnerinnen in Quarantäne. Die Polizei traf auf knapp 50 Frauen, teils teilten sich vier Personen ein kleines Zimmer. Eine Recherche der NZZ brachte das Haus zudem mit Zwangsprostitution und Menschenhandel in Verbindung.

Italieni­sche Musik, ein Franken pro Bier

Begonnen hatte die Geschichte der Bar ganz anders. In den 1970er-Jahren arbeitete hier Christine Cristofani; später übernahm sie mit ihrem Partner die Pacht. Ihre Stammgäste waren vor allem italienische Arbeiter. Ein Bier kostete einen Franken, gespielt wurden Kartenspiele wie Briscola und Scopa, manchmal bis tief in die Nacht. Aus der Jukebox perlte italienische Musik, an der Wand hing ein Bild des Luganersees mit dem Monte San Salvatore – so beschrieb die damalige Pächterin die Bar in einer NZZ-Reportage.

Schon in den 1980er- und 1990er-Jahren war das Lokal jedoch regelmässig Ziel von Polizeirazzien, vor allem wegen des Verdachts auf illegale Sexarbeit in den Zimmern darüber. Der damalige Hauspächter wies in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» jede Verantwortung zurück: Wer ein Zimmer miete, könne dort einen Freund oder Liebhaber empfangen. Und Geld gegen Sex sei nicht illegal. «Unter die Bettdecke schauen wir nicht», sagte er damals. Kritikerinnen und Kritiker warfen ihm vor, am Sexgewerbe zu verdienen.

Woher der Name?

Eine Legende besagt, der Gründer der Bar sei aus Lugano gewesen. Eine andere erzählt von einem Sportteam aus Lugano, das einst sämtliche Zimmer im Haus belegt haben soll. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht – und vielleicht passt das zu diesem Ort. Über die Lugano-Bar ist erstaunlich viel dokumentiert, und trotzdem bleibt manches bis heute ungeklärt.

Source: SRF

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