CSD-Anschlag Berlin: GTAZ beriet achtmal über Attentäter Ballout
Das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum befasste sich in acht Sitzungen mit Abdul Ballout – dennoch wurde seine Überwachung vor dem Anschlag reduziert.

GTAZ-Sitzungen zu Ballout: Acht Beratungen vor dem Anschlag auf den CSD
Die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern waren vor dem Anschlag auf den Christopher Street Day am 25. Juli in Berlin weitaus intensiver mit dem Attentäter befasst als öffentlich bekannt. Wie DER SPIEGEL (Justiz & Kriminalität) auf Basis einer noch unveröffentlichten Antwort des Bundesinnenministeriums berichtet, beriet das Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ) in insgesamt acht Sitzungen über den Islamisten Abdul Ballout – bis zum Tag des Anschlags.
Bislang hatte es offiziell lediglich geheißen, das Gremium habe sich »mehrfach« mit Ballout beschäftigt. Die genaue Zahl geht aus der Auskunft der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen hervor.
Chronologie der Sitzungen
Die erste GTAZ-Befassung mit Ballout datiert auf den 28. Mai 2025. Die Arbeitsgruppe »Operativer Informationsaustausch« des Gremiums befasste sich damals auf Einladung des Berliner Landeskriminalamtes (LKA) mit offenbar dschihadistisch motivierten Reisen des Islamisten.
Im Herbst folgten weitere Sitzungen: Am 22. Oktober – nachdem Ballout im Libanon wegen Terrorverdachts festgenommen worden war – kam das GTAZ erneut zusammen. Am 7. November berieten die Behörden über Maßnahmen für seine erwartete Rückkehr nach Deutschland. Zehn Tage später wurde Ballout am Berliner Flughafen festgenommen und in Untersuchungshaft genommen.
Am 16. Januar 2026 teilte das LKA dem GTAZ mit, Ballout nun offiziell als »Gefährder« eingestuft zu haben – eine Bezeichnung für gewaltbereite Extremisten, denen die Polizei einen Anschlag zutraut. Das bundesweit einheitliche Bewertungssystem RADAR-iTE hatte für Ballout ein »hohes Risiko« ergeben.
Verurteilung und gelockerte Überwachung
Vier Monate später verurteilte das Berliner Amtsgericht Ballout wegen einer versuchten Ausreise zur Terrormiliz IS in Syrien zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Er kam auf freien Fuß. Einen Tag nach dem Urteil, am 13. Mai, informierte das LKA das GTAZ über den Ausgang des Verfahrens.
Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft wurde Ballout zunächst engmaschig observiert. Da er sich unauffällig verhielt, fuhren die zuständigen Beamten die Überwachungsmaßnahmen schrittweise zurück. Am 26. Mai informierte das LKA das GTAZ – auch in der Arbeitsgruppe »Risikomanagement« – über diese Anpassungen.
Der Anschlag im Tiergarten
Knapp zwei Monate nach dieser letzten GTAZ-Befassung mietete Ballout einen Van. Am Abend des 25. Juli fuhr er am Rande des CSD in eine Menschenmenge im Berliner Tiergarten und attackierte anschließend Feiernde mit einer Machete. Eine Frau starb, mehr als 30 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Es war der folgenschwerste islamistische Anschlag in Berlin seit dem Attentat auf dem Breitscheidplatz im Dezember 2016. Nach der Tat flüchtete Ballout in eine Gartenlaube am westlichen Stadtrand, wo er beim Polizeieinsatz durch Schüsse getötet wurde.
Grüne fordern Untersuchungsausschuss
Die Grünen, die die parlamentarische Anfrage an die Bundesregierung gestellt hatten, verlangen nun umfassende Aufklärung. »Wenn das GTAZ gemeinsam feststellt, dass eine Person höchst gefährlich ist und gut zwei Monate vor dem Anschlag mittels RADAR-iTE ein ›hohes Risiko‹ konstatiert, dann müssen die Räder ineinandergreifen«, erklärte die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Irene Mihalic. Die Berliner Behörden seien offenbar nicht in der Lage gewesen, die Observation des Täters im erforderlichen Umfang aufrechtzuerhalten.
Mihalic plädiert für einen Untersuchungsausschuss in Berlin, der »haarklein aufklären« solle, was schiefgelaufen sei. Der Innenexperte der Grünen, Marcel Emmerich, bezeichnete den Attentäter als den Behörden bekannte »tickende Zeitbombe«. »Warum dieser bekannten Gefahr offenbar kein ausreichender Schutz folgte, gehört zu den zentralen Fragen, die aufgeklärt werden müssen«, sagte Emmerich.