Mordopfer in Österreich: Frauen häufiger betroffen als Männer, zwei Drittel zu Hause getötet
Eine Studie der FH Joanneum zeigt: In Österreich sinkt die Mordrate seit Jahrzehnten – doch Frauen werden häufiger Opfer als Männer, meist im eigenen Zuhause.

Österreich zählt zu sichersten Ländern – doch Frauen tragen höheres Mordrisiko
Die Gesamtzahl der Tötungsdelikte in Österreich ist im langfristigen Schnitt gesunken. Das geht aus einer aktualisierten Analyse der FH Joanneum hervor, die im Auftrag des Bundesverbandes der Gewaltschutzzentren erstellt und am Dienstag präsentiert wurde, wie ORF berichtet. Gleichzeitig zeigen die Daten: Frauen werden in der Summe häufiger Opfer von Morden als Männer – und knapp zwei Drittel davon sterben im eigenen Zuhause.
Studienautor Rainer Loidl von der FH Joanneum in Graz erklärte, Ziel der Analyse sei es, belastbare Fakten zum Thema Mord zu liefern sowie langjährige Trends und geschlechterspezifische Unterschiede zu erfassen. Die Studie wurde im Vorjahr erstmals erstellt und lieferte eine Aufschlüsselung der Tötungsdelikte seit den 1970er Jahren. Nun wurden Zahlen aus dem Jahr 2025 eingearbeitet sowie weitere Auswertungen nach Geschlecht, Alter und Herkunft der Opfer ergänzt.
4.335 Getötete seit 1970, Mordrate bei 0,5 pro 100.000
Im Zeitraum von 1970 bis 2025 wurden insgesamt 4.335 Menschen getötet – 2.175 Männer und 2.160 Frauen, was einem Jahresdurchschnitt von 77 Opfern entspricht. In den vergangenen 20 Jahren lag die Fallzahl im Schnitt zwischen 33 und 60 Morden jährlich. Die Mordrate – Tötungen pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner – ist seit den 1970er Jahren gesunken und beträgt derzeit 0,5. Loidl zufolge zählt Österreich damit zu den sichersten Ländern weltweit.
Der Rückgang bei Mordopfern ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. Betrachtet man die vergangenen 20 Jahre in der Gesamtschau, wurden mehr Frauen als Männer getötet. Da Daten zur Täter-Opfer-Beziehung fehlen, könne bei diesen Fällen nicht von Femiziden gesprochen werden, hieß es bei der Präsentation.
Zwei Drittel der getöteten Frauen sterben zu Hause
Einen deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschied gibt es beim Tatort: Seit 2002 wurden knapp zwei Drittel der getöteten Frauen zu Hause ermordet, bei Männern war es rund ein Drittel. Der häusliche Kontext bei Frauenmorden bleibe ein zentrales Problemfeld, so die Studie.
Auch Altersunterschiede wurden ausgewertet: In der Gruppe der über 75-Jährigen sind Frauen anteilig häufiger von Tötungen betroffen. Bei Kindern unter fünf Jahren sind hingegen Buben anteilig öfter Opfer. Berichte, wonach Österreich im europäischen Vergleich zu den Ländern mit besonders vielen Frauenmorden zähle, würden die Zahlen nicht bestätigen, sagte Loidl.
Weniger Morde, mehr Mordversuche – Notfallmedizin als Faktor
Ein weiterer Befund der aktualisierten Analyse: Während die Zahl vollendeter Tötungen sinkt, stiegen die Verurteilungen wegen versuchten Mordes – besonders seit 2018 – deutlich an. Weniger Tötungen bedeuteten nicht zwingend weniger Gewaltbereitschaft, erklärte Loidl. Die sinkenden Fallzahlen seien auch auf Verbesserungen in der Notfallmedizin zurückzuführen.
Die Gegenüberstellung von polizeilicher Anzeigenstatistik, gerichtlicher Verurteilungsstatistik und der Todesursachenstatistik zeigte zudem, dass die Verurteilungen wegen vollendeten Mordes kaum abgenommen haben.
Amoklauf in Graz verzerrt Jahreszahlen 2024
Im vergangenen Jahr verzeichnete die Todesursachenstatistik der Statistik Austria 38 Fremdtötungen – weniger als in den Vorjahren. 23 der Opfer waren weiblich, 15 männlich. Bei männlichen Opfern schwanke die Zahl im Zeitverlauf stärker, der Rückgang seit 1970 sei zugleich markanter als bei weiblichen Getöteten.
Loidl wies darauf hin, dass bei insgesamt niedrigen Fallzahlen einzelne Ereignisse die Jahreswerte stark verzerren können. Das zeigte sich 2024 durch den Amoklauf an einer Grazer Schule mit zehn Todesopfern. Rund 26 Prozent aller Opfer des Jahres entfallen damit auf ein einziges Ereignis – und damit auf ein Bundesland, einen Monat und einen Tatmechanismus. Die Mehrzahl der Opfer dieser Mehrfachtötung war weiblich.
Marina Sorgo, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Gewaltschutzzentren, kündigte an, die Studie solle künftig jährlich weiterentwickelt werden.
Source: ORF