Ukrainischer Journalist nach Festnahme in Wien: „Dachte an Anschlag"
Ein ukrainischer Investigativjournalist wurde in Wien von bewaffneten Einsatzkräften aus einem Mietwagen gezerrt – im Rahmen von Spionageermittlungen.

Wiener Spionageermittlungen: Ukrainischer Journalist schildert brutalen Polizeizugriff
Ein ukrainischer Investigativjournalist ist am Donnerstagnachmittag in Wien bei einem Polizeieinsatz festgenommen worden. Wie oe24.at berichtet, schilderte Journalist Tkatsch gegenüber der APA, wie er gemeinsam mit seinem Kameramann Jaroslaw Bondarenko in einem Mietwagen unterwegs war, als plötzlich Männer aus mehreren Fahrzeugen sprangen und die Seitenscheiben des Wagens einschlugen.
Die Einsatzkräfte richteten Waffen auf die beiden Männer und riefen Anweisungen auf Deutsch. „Mein erster Gedanke war, dass das ein Anschlag ist oder jemand unsere Entführung angeordnet hat", sagte Tkatsch. Er habe zunächst nicht erkannt, dass es sich um einen Polizeieinsatz handle.
Beide Journalisten wurden aus dem Fahrzeug gezerrt und zu Boden geworfen. Tkatsch berichtete von Blutergüssen. Bondarenko stürzte auf Glasscherben und erlitt Gesichtsverletzungen – im Krankenhaus wurde er laut Tkatsch mit Handschellen gefesselt genäht. Nach dem Zugriff seien beide Männer rund eine halbe Stunde mit dem Gesicht zur Wand gedrückt worden.
Tkatsch wurde anschließend zur Polizeidienststelle in der Roßauer Lände gebracht und in eine Einzelzelle gesperrt, wobei ihm seine Schuhe abgenommen wurden. Längere Zeit habe er ohne Erklärung für die Festnahme gewartet. Später sei er befragt worden; ein deutschsprachiges Dokument habe er nicht unterzeichnen wollen.
Über eine Vertrauensperson gelangte die Nachricht von der Festnahme an die ukrainische Zeitung „Ukrajinska Prawda", für die Tkatsch das Investigativressort leitet. Erst gegen 4 Uhr früh kam er frei. Sein Kameramann Bondarenko wurde erst am Freitagnachmittag entlassen.
Tkatsch hielt sich in Wien für Recherchen auf – konkret zu dem mutmaßlich dorthin geflohenen ukrainischen Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko. Der Polizeieinsatz stand laut Behörden im Zusammenhang mit Ermittlungen wegen Spionageverdachts. Durchgeführt wurde der Zugriff von der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN). Bereits zu Beginn der Woche waren in Wien zwei ukrainische Staatsbürger wegen desselben Verdachts in Untersuchungshaft genommen worden.
Tkatsch wurde zu diesen beiden Männern befragt, deren Namen ihm nach eigenen Angaben nicht bekannt waren. Auch Fragen zu einem möglichen Bezug zur ukrainischen Armee hätten ihn verwundert. Besonders irritiert zeigte er sich darüber, dass die Ermittler offenbar nicht ausreichend über seine journalistische Tätigkeit informiert gewesen seien. Er forderte die Beamten auf, seinen Namen auf Google oder YouTube nachzuschlagen.
Selbst ukrainische Behörden würden vor einem solchen Zugriff genauer prüfen, wen sie festnehmen, sagte Tkatsch der APA. Vor seiner Entlassung sei er zudem gefragt worden, wann er Österreich zu verlassen gedenke.
Warum der Einsatz in dieser Form verlief und welche konkreten Verdachtsmomente gegen die beiden Journalisten bestanden, blieb zunächst offen. Ebenso unklar war vorerst, ob die österreichischen Behörden möglicherweise fehlerhafte Informationen über Tkatsch erhalten hatten.
Source: Google News AT — Crime (de)