Ndrangheta-Prozess in Bellinzona: Wie der Anello-Clan die Schweiz infiltriert hat
Vor dem Bundesstrafgericht steht ein mutmasslicher Vertreter des Anello-Clans. Mafia-Expertin Anna Sergi erklärt die Schlüsselrolle der Schweiz für die Ndrangheta.
Ndrangheta-Prozess in Bellinzona: Wie der Anello-Clan die Schweiz als Basis nutzt
Anfang dieser Woche begann vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona der Prozess gegen Carmelo M., einen mutmasslichen Statthalter der kalabrischen Mafia in der Schweiz. Laut NZZ soll er zwanzig Jahre lang für den Anello-Clan gearbeitet und engen Kontakt zum Boss des Clans gepflegt haben. Die Mafia-Expertin Anna Sergi ordnet im Interview ein, wie bedeutend dieser Clan ist – und wie tief die Ndrangheta in der Schweiz verwurzelt ist.
Die Schweiz als strategisches Fundament
Für die Familie Anello sei die Schweiz schlicht unverzichtbar, sagt Sergi. «Ohne die Schweiz wäre sie nicht so stark geworden, wie sie heute ist.» Dieses Muster gelte für viele Clans der Ndrangheta: Die Führung sitzt im Süden, in Kalabrien, das Geschäft läuft im Norden. Der Boss Rocco Anello leitete sein Imperium aus dem kleinen Dorf Filadelfia – gestützt auf Männer wie Carmelo M., der ebenfalls aus Filadelfia stammt, seit Jahren aber im Kanton Aargau lebt.
Statthalter wie Carmelo M. erfüllten für die Organisation eine zentrale Funktion, erklärt Sergi: Sie kennen das Schweizer System, wissen, wie man Geld investiert und wäscht, können Drogen- und Waffentransporte über die Grenze organisieren – und wissen, wie man an einflussreiche Personen herankommt: Unternehmer, Anwälte, Mitglieder der Handelskammer.
Zugang zur lokalen Elite
Wer als Helfer für die Mafia tätig wird, ist laut Sergi nicht immer ein Kalabresen. Oft seien es Italiener aus anderen Regionen, manchmal auch Schweizer. Nicht alle wüssten, dass sie es mit der organisierten Kriminalität zu tun haben. «Die Schweiz ist klein, und die italienische Gemeinde im Land ist überschaubar. Man kommt einfach in Kontakt und gewinnt Zugang zu Leuten.»
Der Anello-Clan gelangte Ende der 1980er Jahre in die Schweiz, weil das Nachbarland besondere Vorteile bot: kurze Wege über die Grenze, eine teilweise italienischsprachige Bevölkerung, grosser Reichtum. Auch nach der Lockerung des Schweizer Bankgeheimnisses gelte die Schweiz in den Augen der Ndrangheta noch immer als leichter zu infiltrieren als andere europäische Staaten, so Sergi. Der Clan hat zudem in Deutschland ein Standbein aufgebaut.
Geldwäsche in Photovoltaik und Fussballklubs
Das wichtigste Geschäftsfeld der Ndrangheta in der Schweiz sei die Geldwäsche, sagt die Expertin. Illegal erworbenes Geld werde über Firmen und Unternehmen in den legalen Wirtschaftskreislauf eingeschleust. Das beschränke sich längst nicht mehr auf Restaurantbetriebe. Carmelo M. soll versucht haben, in Photovoltaikanlagen und Fussballklubs zu investieren. «Da kann man viel mehr Geld waschen als mit einem Restaurant», sagt Sergi. Und ein Investment in einen Fussballklub verschaffe ausserdem direkten Zugang zur lokalen Elite.
Das Prinzip der Expansion sei dabei ähnlich wie bei anderen Migranten: ankommen, aufsteigen, erst einen Kiosk übernehmen, dann ein grösseres Geschäft. Der entscheidende Unterschied sei die gut integrierte italienische Bevölkerung in der Schweiz, die oft als erstes Ziel diene. «Vielen Italienern in der Schweiz fehlen die nötigen Antikörper gegen die organisierte Kriminalität», sagt Sergi. Sie fordert bessere Aufklärung – nicht nur der Italiener, sondern auch der Schweizer Bevölkerung.
Transitland für Drogen und Waffen
Die Schweiz spiele auch im Drogen- und Waffenhandel eine Rolle, bestätigt Sergi – vor allem als Transitland. Waffen würden in Richtung Süden geschmuggelt, nach Kalabrien oder weiter nach Afrika. Drogen flössen nach Norden, Richtung Deutschland und Belgien. Zugleich sei die Schweiz selbst ein bedeutender Markt für Kokain.
Die Ndrangheta gehört zu den wichtigsten kriminellen Organisationen im transatlantischen Kokainhandel. Ihre Clans fungieren dabei als Financiers: Sie stellen das Kapital am Anfang der Lieferkette bereit und kassieren am Ende. Die eigentliche Logistik zwischen Produzenten, Brokern, Transporteuren und Geldwäschern übernehmen oft andere kriminelle Gruppen. Der Schmuggel laufe teilweise über italienische Häfen wie Gioia Tauro, Genua oder Livorno, könne aber auch direkt über Spanien oder andere europäische Länder abgewickelt werden, so Sergi.
Clan nicht am Ende trotz Verhaftungen
Carmelo M. wurde im Rahmen einer grossangelegten Anti-Ndrangheta-Ermittlung verhaftet. Dutzende Clan-Angehörige wurden in Kalabrien bereits verurteilt, der Boss Rocco Anello zu zwanzig Jahren Haft. Ist der Anello-Clan damit geschwächt?
Sergi verneint das klar. Ein Clan kalkuliere stets die Verhaftung oder Ermordung des Bosses ein und verfüge über einen Nachfolgeplan. Rocco Anello werde aus dem Gefängnis heraus weiterhin die wichtigsten Entscheidungen treffen. Die besonderen Haftbedingungen für Mafiosi in Italien erschwerten zwar die Kommunikation, machten sie aber nicht unmöglich. Das operative Tagesgeschäft übernehme derweil ein vom Boss beauftragter Vertreter – eine Art interner Geschäftsführer.
--- Carmelo M. gilt vor Gericht als unschuldig, bis ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Der vollständige Name wird aus rechtlichen Gründen abgekürzt.
Source: NZZ