Com-Netzwerke: Wie Sadisten-Szene Minderjährige zur Gewalt verleitet

Extremismusforscher Felix Neumann erklärt, wie die Com-Szene Jugendliche manipuliert und warum sie nun unter Rechtsterrorismusverdacht steht.

Com-Netzwerke: Wie Sadisten-Szene Minderjährige zur Gewalt verleitet

Forscher warnt: Com-Netzwerke rekrutieren Minderjährige mit Erpressung und Gewaltanreizen

Die sogenannte Com-Szene – ein wachsendes Netzwerk von Sadisten im Internet – steht laut Frankfurter Allgemeine Zeitung zunehmend im Verdacht, rechtsterroristische Züge anzunehmen. Extremismusforscher Felix Neumann erläutert im Interview, wie die Szene funktioniert, weshalb sie für Sicherheitsbehörden kaum greifbar ist und welche Rolle rechtsextreme Ideologie dabei spielt.

Was ist die Com-Szene?

„Com" steht für „Community". Mitglieder stacheln sich gegenseitig in Gruppen zu Gewalttaten an, überbieten sich und entwickeln dabei eine interne Hierarchie mit eigener Wettkampfdynamik. Die Szene ist etwa 2015 entstanden. Kommunikation und Austausch finden überwiegend im Netz statt – die Straf- und Gewalttaten selbst geschehen dann in der analogen Welt.

Im Vergleich zu anderen Extremismusformen fällt auf: Eine übergeordnete Ideologie steht nicht im Vordergrund. Stattdessen finden sich dort Menschen zusammen, die die Welt als nicht mehr lebenswert betrachten, Menschenrechte ablehnen und zivile Umgangsformen verwerfen.

Zwei Mechanismen der Rekrutierung

Neumann beschreibt zwei grundlegende Mechanismen, durch die die Szene Mitglieder gewinnt und bindet. Der erste betrifft Aufnahmerituale: Wer einer Gruppe beitreten will, muss sich durch Taten wie Brandanschläge, Graffiti oder Sachbeschädigung als „würdig" erweisen.

Der zweite Mechanismus ist gezielter Missbrauch von Minderjährigen. Täter suchen über soziale Medien und Gaming-Plattformen Kontakt zu Jugendlichen – vor allem Mädchen. Sie überschütten sie zunächst mit Aufmerksamkeit und vermeintlicher Zuneigung. Wer das im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren zum ersten Mal erlebt, sei leicht überfordert, so Neumann. Durch manipulatives Verhalten werden Grenzen überschritten, häufig beim Austausch intimer Bilder. Sobald der Täter solche Bilder besitzt, droht er: entweder die geforderte Handlung – oder die Bilder werden an Familie, Freunde und Mitschüler weitergegeben.

Warum Ermittler kaum ankommen

Die Verfolgung der Com-Szene ist aus mehreren Gründen schwierig. Wer sich im digitalen Raum auskennt, tritt nicht unter Klarnamen auf, verschleiert seine Identität und vermeidet Fotos von sich – das ist das erste Ermittlungshindernis. Dazu kommt, dass Opfer – ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch – oft eine Hemmschwelle haben, sich zu offenbaren.

Ein weiteres strukturelles Problem: Nationale Grenzen fallen weg. Der Täter sitzt in Deutschland, das Opfer in Finnland oder den USA, das nächste Opfer in Brasilien. Um überhaupt ein Gesamtbild zu erstellen, müssen Sicherheitsbehörden mehrerer Länder auf Täter- und Opferseite zusammenarbeiten – was Neumann als „ausgesprochen schwierig" bezeichnet.

Auch für die Forschung gibt es eine harte Grenze: Da viele Gruppen Bilder und Videos mit Bezug zu Kindesmissbrauch teilen, ist ein Einschleusen von Forschenden aus rechtlichen wie psychologischen Gründen nicht möglich. Analysiert werden stattdessen öffentlich zugängliche Materialien: Manifeste der Täter, Propagandamaterial und Gerichtsprotokolle.

Rechtsextreme Codes als verbindendes Element

Rechtsextreme Narrative, Symbole und Codes sind in der Szene weit verbreitet – eine klare Trennlinie lässt sich laut Neumann kaum ziehen. In der Entstehungsgeschichte der Szene spielte die britisch-satanistische Gruppe „Order of the Nine Angles" eine zentrale Rolle.

Auch Elemente des Dschihadismus tauchen auf: Flaggen des sogenannten Islamischen Staats und entsprechende Propagandavideos werden geteilt. Rechtsextreme Inhalte überwiegen jedoch deutlich. Bei einigen in den USA festgenommenen Tätern glauben diese tatsächlich an rechtsextreme Narrative; bei vielen anderen Mitgliedern werden entsprechende Inhalte vor allem wegen ihrer gruppenstiftenden Wirkung geteilt – nicht aus echter Überzeugung.

Hinzu kommt gezielte Desensibilisierung: Neu rekrutierte Mitglieder werden fortlaufend mit brutalen Videos konfrontiert – etwa dem Anschlag von Christchurch oder Enthauptungsvideos des „IS". Das liege im Interesse der Führungsfiguren, erklärt Neumann, weil es Neumitglieder darauf vorbereite, irgendwann selbst Gewalttaten zu begehen oder andere zur Selbstverletzung anzustiften.

Feindbilder und Opferauswahl

Innerhalb der nihilistischen Szene zeigen sich teils strukturierte Feindbilder – besonders gegenüber Mitgliedern der LGBTQ-Community. Manche Täter wählen Opfer gezielt nach sexueller Orientierung, Hautfarbe oder Geschlecht aus. Durchgängig ist das aber nicht: Opfer werden aus den unterschiedlichsten Gründen ausgewählt, auch wenn sie etwa weiß, blond und blauäugig sind.

Terroristischer Flügel: „Militanter Akzelerationismus"

Ein kleinerer Teil der Szene versteht sich als „militanter Akzelerationismus" – eine dezidiert terroristische Strömung mit dem Ziel, die Gesellschaft an den Rand des Zusammenbruchs zu treiben, Chaos zu erzeugen und dieses in einen Bürgerkrieg oder „Rassenkrieg" zu überführen. Solche Bestrebungen existieren sowohl innerhalb des Com-Netzwerks als auch bei separaten Gruppierungen, die vor allem in Osteuropa entstanden sind, aber international operierten.

Zeitlich weiter zurück gab es zudem einen deutschen Ableger der „Atomwaffendivision", einer rechtsterroristischen Gruppe aus den USA, mit demselben Ziel. Was einem aktuellen Beschuldigten vorgeworfen wird, sei daher in der Szene ein bekanntes Muster, so Neumann. Wie konkret die Pläne im Einzelfall waren und ob er allein oder mit Unterstützung gehandelt hätte, blieb zum Zeitpunkt des Berichts offen.

Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung

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