Hacker veröffentlichen 1,4 Millionen Dateien aus Berliner Landesnetz im Darknet
Nach einem Cyberangriff auf Berliner Senatsverwaltungen wurden 1,4 Millionen Dateien im Darknet veröffentlicht. Politiker und Gewerkschaften üben scharfe Kritik am Krisenmanagement des Senats.
Berliner Datenleck: Senat unter Beschuss nach Veröffentlichung sensibler Behördendaten
Nach der Veröffentlichung von 1.439.893 Dateien aus dem IT-Netz des Landes Berlin im Darknet ruft der Senat betroffene Bürgerinnen und Bürger zur Strafanzeige auf. Wie Google News LU DE unter Berufung auf den Tagesspiegel berichtet, lief am Freitagnachmittag um 15.35 Uhr das Ultimatum der Hackergruppe ab — kurz darauf stellte sie 5,26 Terabyte Daten zum freien Download bereit.
Wer konkrete Hinweise darauf habe, dass seine Daten veröffentlicht oder für Straftaten wie Betrug oder Identitätsmissbrauch genutzt wurden, solle Strafanzeige erstatten — „entweder über die Internetwache der Polizei Berlin oder über jede örtliche Polizeidienststelle", teilte die Senatskanzlei am Freitagabend mit. Betroffene könnten sich zudem an die Berliner Landesdatenschutzbeauftragte wenden, mit der der Senat nach eigenen Angaben im engen Austausch stehe.
Hacker hatten tagelang unbemerkt Zugriff
Die Hackergruppe hatte nach eigenen Angaben vom 7. bis 12. August unbemerkt Zugriff auf die Netze der Senatsverwaltungen für Bauen und Verkehr. Sie behauptet, Daten im Umfang von 5,7 Terabyte erbeutet zu haben — darunter zahlreiche personenbezogene Inhalte. Seit dem vorigen Freitag hatte die Gruppe die Daten im Darknet zur Versteigerung angeboten. Nachdem kein Lösegeld gezahlt wurde, veröffentlichte sie die Dateien ohne Einschränkung.
Nach Recherchen des Tagesspiegels befinden sich unter den abrufbaren Daten auch Inhalte, die für die Sicherheit der Bundesrepublik und der Hauptstadt relevant sind. Eine Übersicht zeigt zudem umfangreiche Personaldaten, darunter private Telefonnummern von Beschäftigten.
„Derzeit führen die Sicherheitsbehörden eine intensive Datenprüfung durch", erklärte die Senatskanzlei. IT-Forensiker untersuchten im Auftrag des Landes die veröffentlichten Daten mit Hochdruck. Sofern im Rahmen der Analyse einzelne Betroffene identifiziert werden könnten, würden diese „risikobasiert und entsprechend der gesetzlichen Vorgaben" von den zuständigen Senatsverwaltungen informiert.
Linke und Grüne fordern schnelles Handeln
Die Linksfraktion bezeichnete den Vorfall am Freitagabend als „IT-GAU". Fraktionschef Tobias Schulze erklärte, die Erpresser hätten den gewünschten Preis nicht erhalten und die Daten daraufhin veröffentlicht. „Das ist die denkbar ungünstige Konstellation, da jetzt jedermann mit einigen wenigen technischen Kenntnissen auf diese Daten zugreifen kann", sagte Schulze. Er forderte den Senat auf, unverzüglich alle Betroffenen zu benachrichtigen und bestmögliche Hilfe anzubieten. Für die Zukunft brauche es einheitliche Sicherheitsstandards und einen verbindlichen Fahrplan zur Durchsetzung der Abnahmepflicht beim zentralen IT-Dienstleister des Landes.
Grünen-Fraktionschef Werner Graf kritisierte, der Senat habe bei der IT-Sicherheit „gepennt" — und dürfe das beim Opferschutz nicht wiederholen. „Passwörter, Kontodaten und persönliche Informationen von Zehntausenden Berlinerinnen und Berlinern sowie Landesbeschäftigten könnten für Identitätsdiebstahl und gezielte Phishing-Angriffe genutzt werden", sagte Graf. Er verlangte eine gemeinsame Informationskampagne von Senat, Datenschutzbehörde, Verbraucherzentrale und Sicherheitsbehörden sowie ein einfaches Verfahren, mit dem Betroffene prüfen können, ob ihre Daten betroffen sind.
Gewerkschaft: „Jahrzehntelang gepennt"
Vernichtende Kritik kam von Thorsten Schleheider, Landesvize der Gewerkschaft der Polizei. „Dieser Cyberangriff reiht sich nahtlos in die Serie an derartigen Vorfällen rund um unsere Behörden ein. Er hat Berlins Politik einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass hier über Jahre gepennt wurde", sagte Schleheider. Es sei zwar richtig, sich nicht erpressen zu lassen. „Aber es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern. Das zeugt schon von einer gewissen Hilflosigkeit", sagte er. Von einer neuen Landesregierung erwarte er ein umfassendes inhaltliches Konzept statt „Phrasen von Digitalisierung". „Das System hat gravierende Lücken, wir sind auf vielen Ebenen angreifbar."
Manuel Barth, Vorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft Berlin-Brandenburg, zeigte sich ebenfalls fassungslos. „Was geschieht, wenn das Notwendige nicht vollumfänglich getan und finanziert wird, erleben wir genau jetzt", sagte er. Mit Blick auf Feuerwehrdaten in den gestohlenen Dateien erklärte Barth, seine Gewerkschaft halte das für „hochproblematisch". Wer einen hohen Sicherheitsstandard wolle, dafür aber nur unzureichend Mittel für Technik und Personal bereitstelle, hoffe „auf Wunder".
Staatssekretär informiert Beschäftigte
Der für IT-Sicherheit zuständige Staatssekretär Florian Hauer informierte die Landesbeschäftigten am Freitagnachmittag schriftlich über den Stand der Dinge. Das Schreiben liegt dem Tagesspiegel vor. Hauer schrieb mit Blick auf die damals noch bevorstehende Datenveröffentlichung, was dies für die öffentliche Debatte und die Beschäftigten im Berliner Landesdienst bedeuten werde, sei noch nicht vollständig absehbar.
Source: Google News LU DE