Hackerangriff auf Berliner Senat: 5,8 Terabyte Daten im Darknet

Nach einem Cyberangriff auf die IT-Systeme des Berliner Senats sind 5,8 Terabyte vertraulicher Daten im Darknet aufgetaucht. Betroffen sind Notfallpläne, Kontodaten und Millionen Bürgerdaten.

Berliner Datenpanne: Rhysida-Gruppe veröffentlicht 5,8 Terabyte gestohlener Senatsdaten

Rund 5,8 Terabyte sensible Daten aus den IT-Systemen des Berliner Senats sind im Darknet verfügbar – darunter Notfallpläne, eingestufte Verteidigungsdokumente, Beamtenkommunikation, Geburtsurkunden, Telefonnummern und möglicherweise Millionen Bürgerdaten. BILD hat bei Behörden und Sicherheitsexperten nachgefragt und berichtet über den Stand der Erkenntnisse.

Chronologie des Angriffs

Am 14. August wurde der Angriff auf die Berliner Verwaltung entdeckt. Die betroffenen Systeme wurden für rund eine Woche vom Berliner Landesnetz getrennt. Am 28. August tauchten erste gestohlene Daten im Darknet auf. Weil der Berliner Senat die Lösegeldzahlung verweigerte, veröffentlichten die Cyberkriminellen das gesamte Datenpaket am 4. September um 15.35 Uhr – versehen mit der Nachricht: „Alle Daten wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Viel Spaß damit, Datenjäger."

Zum Vergleich: Ein Terabyte entspricht einer Bibliothek mit rund 300 bis 900 Millionen Buchseiten. Die gestohlene Datenmenge ist damit so groß, dass ein Mensch sie praktisch nicht vollständig lesen könnte. Einmal im Darknet veröffentlicht, gelten Daten als dauerhaft zugänglich – Kopien können weltweit gespeichert und immer wieder neu hochgeladen werden.

Welche Daten sind betroffen?

Nach aktuellem Kenntnisstand sind geheime Notfallpläne und eingestufte Verteidigungspapiere in den geleakten Daten enthalten. Hinzu kommen dienstliche Kommunikation von Beamten, Arbeitszeugnisse, Fotos sowie personenbezogene Daten von Millionen Berlinerinnen und Berlinern – möglicherweise auch Steuerdaten.

Aus Sicherheitskreisen erfuhr BILD, dass es derzeit keine konkreten Hinweise auf Daten von Politikern, Personen des öffentlichen Lebens, Parteien oder Mandatsträgern gebe.

Zu den Verteidigungsdokumenten: In den geleakten Unterlagen finden sich laut BILD Dutzende Dokumente zum Thema Verteidigung, darunter ein „Leitfaden zivile Verteidigung" sowie Präsentationen zur „Gesamtverteidigung". Der hochgeheime „Operationsplan Deutschland" zur Landesverteidigung sei nach BILD-Informationen hingegen nicht gefährdet.

Bundesregierung und Bundeswehr reagieren

Auf BILD-Anfrage erklärte ein Regierungssprecher: „Die Bundesregierung verfolgt die Informationen und Ermittlungen zum Datenabfluss genau. Momentan werten die zuständigen Sicherheitsbehörden von Bund und Land die Informationen aus." Der Sprecher ergänzte, Datensysteme des Bundes seien nach derzeitigem Kenntnisstand nicht betroffen. Die Auswertung erfolge auch über das Nationale Cyberabwehrzentrum; nach der Analyse potenzieller Sicherheitsrisiken würden Maßnahmen zur Wahrung der militärischen Sicherheit eingeleitet.

Aus hohen Bundeswehrkreisen sprach ein Insider gegenüber BILD von einem „datentechnischen Supergau": Feindlichen Akteuren im In- und Ausland sei damit der Baukasten zu Angriffen auf kritische Infrastruktur auf dem Silbertablett serviert worden. Bundeswehr-Experten werten die Daten derzeit aus und suchen nach Schwachstellen. Das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) teilte BILD mit, es erfolge „ein kontinuierlicher Infoabgleich im nationalen Cyberabwehrzentrum".

Auf die Frage, ob auch Baupläne sensibler Gebäude im Regierungsviertel betroffen seien, sagte ein hoher Beamter zu BILD: „Es ist offensichtlich, dass Liegenschaften in Berlin auch in den Berliner Baubehörden dokumentiert sind. Aber noch gibt es keinen Beleg, dass dort Informationen auch tatsächlich abgeflossen sind."

Politische Reaktionen

CDU-Sicherheitsexperte Roderich Kiesewetter (62) äußerte sich gegenüber BILD besorgt: Es sei zwar gut, dass sich der Berliner Senat nicht habe erpressen lassen, doch: „So etwas hätte nie passieren dürfen." Und weiter: „Es wäre gravierend, wenn unsere Kommunikationswege und Krisenpläne offen lägen."

Berlins unabhängiger Landeswahlleiter Stephan Bröchler (63) erklärte auf BILD-Anfrage, die Wahlumgebung sei nach derzeitigem Stand nicht betroffen – „weder die Vorbereitung, noch der eigentliche Wahltag, noch der Ablauf bis zur Veröffentlichung des vorläufigen Ergebnisses." Bröchler räumte jedoch ein, im August habe es unabhängig vom Hackerangriff Probleme bei der Online-Beantragung von Briefwahlunterlagen gegeben.

Wer steckt hinter dem Angriff?

Verantwortlich für den Angriff ist nach bisherigem Erkenntnisstand die Gruppe „Rhysida". Es gibt Hinweise auf russische Herkunft: Die Gruppe kommuniziert überwiegend auf Russisch und greift seit 2023 Unternehmen, Behörden und Organisationen weltweit an – jedoch nicht in Russland oder den GUS-Staaten. Ihr Geschäftsmodell: Daten stehlen, Systeme verschlüsseln, Lösegeld erpressen.

Erik Heyland vom Management Board des AV-TEST Instituts äußerte sich gegenüber BILD zu Rhysida – sein vollständiges Statement lag zum Redaktionsschluss noch nicht in Gänze vor.

Risiken für Bürger und Staat

Die größten unmittelbaren Risiken sind laut Experten der Missbrauch persönlicher und dienstlicher Daten, gestohlene Zugangsdaten, mögliche Kenntnisse über kritische Infrastruktur sowie Desinformationskampagnen. Das vollständige Ausmaß des Schadens lässt sich nach Einschätzung von BILD-Reportern derzeit noch nicht überblicken – zu groß ist die Menge der kompromittierten Daten. Behörden liefern bislang kaum konkrete Hilfestellungen für betroffene Bürgerinnen und Bürger.

Source: BILD

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