Sabotage an Umspannwerken: Polizei fahndet nach 48-Jährigem aus Gevelsberg
Nach Angriffen auf Strominfrastruktur in NRW und Brandenburg sucht die Polizei nach einem 48-jährigen Mann. In zwei Bekennerschreiben nennt er fossile Brennstoffe als Motiv.
Umspannwerk-Anschläge: Verdächtiger aus Gevelsberg flüchtig, Sprengstoff in Wohnung gefunden
Nach einer Serie von Sabotageakten gegen Stromversorgungsanlagen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg fahndet die Polizei nach einem 48-jährigen Mann aus Gevelsberg bei Hagen. Wie Tagesschau berichtet, haben die Behörden zwei Bekennerschreiben des Mannes vorliegen — unklar bleibt jedoch, ob er auch tatsächlich der Täter ist.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) erklärte auf einer Pressekonferenz, die Schreiben enthielten detailliertes Täterwissen und seien als authentisch einzustufen. Als Motiv nennt der Verfasser den „Kampf gegen fossile Brennstoffe". In einem der Schreiben heißt es wörtlich: „Ich greife nicht das Land, sondern die fossile Rohstoffindustrie an." Reul betonte jedoch: „Wenn jemand seinen Namen druntersetzt, ist er nicht zwingend der Verantwortliche."
Fahrzeug am Hambacher Forst gestürmt, Mann nicht angetroffen
Nachdem Ermittler den Verdächtigen nicht an seiner Wohnanschrift antrafen, wurde sein Fahrzeug am Hambacher Forst gefunden. Ein Spezialeinsatzkommando stürmte den Wagen — der Mann war nicht darin. Markus Gemünd, Leiter der Staatsschutz-Abteilung im NRW-Innenministerium, bestätigte den Einsatz. Reul zufolge sei der Gesuchte vermutlich zu Fuß unterwegs und werde nicht weit kommen.
In der Wohnung des Mannes stellten Ermittler Sprengstoff sicher: Es handelte sich um Kaliumnitrat und Kaliumperchlorat. Geprüft wird zudem, ob er allein gehandelt hat und ob Verbindungen zu dem Sabotageakt im brandenburgischen Jänschwalde bestehen.
Bundesinnenminister spricht von „Klimaextremismus"
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht „Klimaextremismus" als wahrscheinliches Tatmotiv und geht auf Grundlage bisheriger Ermittlungen von einem Einzeltäter aus. Gleichzeitig schloss Reul eine mögliche „fremdstaatlich gesteuerte Sabotage" nicht aus — ebenso wenig einen linksextremistischen Hintergrund.
Dobrindt warnte vor weiteren Anschlagsszenarien in Deutschland und sprach sich für eine technische und personelle Stärkung der Sicherheitsbehörden aus. Unternehmen müssten zudem befähigt werden, selbst Drohnen abzuwehren. „Wir haben es mit unterschiedlichen Bedrohungs- und Gefährdungslagen gleichzeitig zu tun", sagte Dobrindt. „Sabotage, Spionage, Cyberangriffe, verdeckte Aktionen, Extremismus und Staatsterrorismus — wir sind mit diesen Gefahrenlagen gleichzeitig aktuell bedroht."
Reul betonte die gesellschaftliche Tragweite solcher Angriffe: „Wer solche Taten plant, ärgert nicht die da oben, sondern die kleinen Leute. Das Licht in den Wohnzimmern, die Lungenmaschine auf der Intensivstation, die Ampel an der Kreuzung: Das brauchen wir alle."
Mehrere Angriffsorte in NRW und darüber hinaus
Die Sabotageserie begann am Dienstagmorgen mit einem Angriff auf Hochspannungsleitungen nahe dem Umspannwerk Turnow-Preilack in Brandenburg, die Strom aus dem Kraftwerk Jänschwalde transportieren. In zwei Fällen kam es zu einem Kurzschluss. Am selben Abend folgte eine Störung an einem Umspannwerk in Bergheim bei Köln. Behördenangaben zufolge wurden in der Nähe beider Standorte Abschussvorrichtungen und Pyrotechnik gefunden. NRW-Energieministerin Mona Neubaur zufolge fielen durch den Vorfall fünf Braunkohle-Blöcke des Energieversorgers RWE Power aus.
An einem Umspannwerk bei Dormagen zwischen Düsseldorf und Köln stellte die Polizei zwei weitere Abschussvorrichtungen sicher — wohl mit dem Ziel, einen Kurzschluss auszulösen. Auch in Weisweiler bei Aachen wurde eine solche Vorrichtung entdeckt. Der Verfasser der Bekennerschreiben beansprucht laut Reul auch diese beiden Taten für sich.
Am Freitagabend kam es bei einer Stromanlage in Hamm zu einem größeren Polizeieinsatz. Laut einem dpa-Reporter trafen zahlreiche Polizeiwagen sowie ein Hubschrauber an einer Landstraße neben einem Waldstück ein. Eine offizielle Stellungnahme der Polizei stand zunächst aus.
Sachsen: Sprengvorrichtungen an zwei Fundorten gesichert
In Sachsen entdeckte die Polizei nach Angaben von Innenminister Armin Schuster (CDU) „unbekannte Sprengvorrichtungen" an zwei Fundorten — insgesamt vier Objekte. Hinweise auf die Standorte hätten sich aus einem weiteren Bekennerschreiben ergeben. Unmittelbar nach dessen Eingang seien am Donnerstag intensive Suchmaßnahmen eingeleitet worden. Die Polizeidirektion Görlitz bestätigte einen Einsatz nördlich von Bautzen.
Laut einem internen BKA-Lagebild gab es bundesweit in diesem Jahr bereits mehr als 160 Sabotageverdachtsfälle. Ermittelt wird wegen verfassungsfeindlicher Sabotage.
Source: Tagesschau