Prozess gegen Lindsay Clancy endet nach sieben Wochen mit Fehlurteil

Ein einzelner Geschworener blockierte ein Urteil im Mordprozess gegen Lindsay Clancy, die 2023 ihre drei Kinder in Massachusetts tötete. Richter erklärte das Verfahren für ungültig.

Prozess gegen Lindsay Clancy endet nach sieben Wochen mit Fehlurteil

Fehlurteil in Massachusetts: Prozess gegen Kindsmörderin Lindsay Clancy gescheitert

Nach sieben Wochen Verhandlung ist der Mordprozess gegen Lindsay Clancy in Plymouth, Massachusetts, ohne Urteil geblieben. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, erklärte Richter William Sullivan das Verfahren am Freitag zum „mistrial" – ungültig. Die Jury befand sich in einer Pattsituation: Elf der zwölf Geschworenen stimmten für einen Freispruch, doch ein einziger Juror verweigerte seine Zustimmung.

Am 24. Januar 2023 erdrosselte Lindsay Clancy im Keller des Familienhauses in Duxbury ihre drei Kinder: die fünfjährige Tochter Cora sowie die Söhne Dawson, drei Jahre, und Callan, acht Monate alt. Sie würgte die Kinder mit einem Gymnastikband während der kurzen Abwesenheit ihres Mannes. Anschließend schlitzte sie sich die Pulsadern auf und stürzte sich aus einem Obergeschossfenster. Seitdem ist sie auf den Rollstuhl angewiesen.

An der Tat selbst bestand nie ein Zweifel. Clancy hat sie eingestanden. Die Auseinandersetzung vor Gericht drehte sich ausschließlich um die Frage, ob die damals 33-jährige Krankenschwester infolge einer postpartalen Psychose unzurechnungsfähig war. In Massachusetts kann niemand strafrechtlich verurteilt werden, wenn eine schwere psychische Erkrankung oder Störung nachgewiesen ist.

Die Verteidigung argumentierte, Clancy habe nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes schwere psychische Probleme entwickelt und sei zwischenzeitlich hospitalisiert worden. Verschriebene Psychopharmaka hätten ihren Zustand noch erheblich verschlechtert, hieß es. Von inneren Stimmen war die Rede. Die Staatsanwaltschaft hingegen bestand darauf, Clancy habe „absichtlich, rational und zügig" gehandelt. Psychiatrische Gutachter kamen in dem Verfahren zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Patrick Clancy, ihr inzwischen geschiedener Mann, der die toten Kinder und seine verletzte Frau nach seiner Rückkehr von Besorgungen fand, trat als erster Zeuge auf und sprach sich ausdrücklich für einen Freispruch der Angeklagten aus.

Nach fast 40 Stunden Beratung über sieben Tage war klar, dass die Jury keine einstimmige Entscheidung erzielen würde. Die Verteidigung beantragte, den einen abweichenden Geschworenen vom Verfahren abzuziehen, und wandte sich sogar mit einem Eilantrag an den Obersten Gerichtshof von Massachusetts. Anwalt Kevin Reddington verwies darauf, dass dieser Geschworene selbst Zweifel an Clancys Schuld geäußert habe. Richter Sullivan lehnte den Antrag ab und brach die Verhandlung stattdessen ab.

Reddington zeigte sich offen verbittert. Ein widerspenstiger Geschworener habe allen „sieben Wochen geraubt", sagte er. „Ich hoffe, dieser Typ kann nachts ruhig schlafen." Seine Mandantin sei „sehr stark" und „sehr intelligent" – ihr Leben jedoch sei „eine Tragödie".

Staatsanwalt Timothy Cruz hatte den schwersten möglichen Vorwurf gewählt: dreifachen Mord, was bei einer Verurteilung lebenslange Haft bedeutet hätte. Kritiker warfen den Strafverfolgern deshalb reflexartige Härte vor. „Unsere Priorität war es schon immer, für Cora, für Dawson und für Callan zu kämpfen", sagte Cruz. Ob ein neuer Prozess angestrebt wird, ließ er offen.

Der Fall wurde von Beginn an live im Internet übertragen und entwickelte sich zu einem öffentlichen Spektakel. Im Netz spalteten sich die Lager entlang politischer Linien: Liberale standen tendenziell auf Clancys Seite, Konservative forderten eine harte Strafe. Für die einen ist sie Täterin, für die anderen Opfer.

Die Causa wurde auch zur breiteren Abrechnung mit dem amerikanischen Gesundheitssystem: Clancy reichte parallel Zivilklage gegen Gesundheitsversorger ein, ihr Fall rückte die mangelnde Unterstützung für Mütter mit schweren postpartalen Erkrankungen in den Fokus.

Psychiaterin Nicole H. Cirino von der Organisation „Postpartum Support International", eine Spezialistin für postpartale Psychosen, erklärte der New York Times: „Viele dieser Frauen hätten keine nennenswerte psychiatrische Vorgeschichte und würden dann schnell und schwer erkranken." Das Verarbeiten der eigenen Taten und die Frage, wie das Leben weitergehen solle, sei „eine sehr komplizierte Angelegenheit, die einige Zeit in Anspruch nimmt" – insbesondere wenn rechtliche Schritte eingeleitet worden seien.

Lindsay Clancy kehrt nach US-Medienberichten in das Tewksbury Hospital zurück, eine staatliche psychiatrische Klinik. Dort soll sie nicht nur wegen möglicher Suizidgedanken und einer bipolaren Störung behandelt werden, sondern auch dabei unterstützt werden, mit der Tötung ihrer Kinder umzugehen und eine Rückkehr in die Gesellschaft vorzubereiten.

Source: Süddeutsche Zeitung