EncroChat-Ermittlungen in Berlin: 86 Prozent der Verdächtigen identifiziert, über 100 Jahre Haft
Berlins Sonderermittlergruppe „EG Büchse" zieht Bilanz: Mehr als 20 EncroChat-Nutzer verurteilt, über eine halbe Tonne Drogen sichergestellt.
Berliner Ermittlergruppe löst sich auf – EncroChat-Verfahren weitgehend abgeschlossen
Ein Bauingenieur, der tagsüber Restaurierungspläne für die Berliner Museumsinsel koordinierte und abends Rollkoffer voller Cannabis durch die Stadt schleppte: Der Fall von Artur Witte – ein Pseudonym – steht exemplarisch für die Doppelleben, die die EncroChat-Entschlüsselung ans Licht brachte. Das Landgericht Berlin verurteilte den 44-Jährigen im Januar 2024 zu sieben Jahren und drei Monaten Gefängnis. Wie WELT berichtet, zieht nun die Berliner Sonderermittlergruppe „EG Büchse" nach rund vier Jahren ihre abschließende Bilanz – und wird aufgelöst.
Verschlüsselung geknackt, Verfahrensflut ausgelöst
Organisierte Kriminelle nutzten jahrelang Krypto-Handys des Anbieters EncroChat, um Drogen- und Waffengeschäfte über verschlüsselte Nachrichten abzuwickeln. Im Frühjahr 2020 entdeckten französische Sicherheitsbehörden eine Schwachstelle in der Software des Dienstes, der intern als „WhatsApp für Kriminelle" bezeichnet wurde. Rund zwei Monate lang konnten die Behörden die Kommunikation mitlesen – Absprachen über Kokainlieferungen, Kriegswaffengeschäfte und Killerkommandos gegen Konkurrenten eingeschlossen.
Für die Strafverfolgungsbehörden waren die entschlüsselten Daten Fluch und Segen zugleich. Einerseits lagen plötzlich Beweise über kriminelle Netzwerke vor, denen man sonst niemals auf die Spur gekommen wäre. Andererseits waren Polizei und Staatsanwaltschaften mit der schieren Menge an Material zunächst schlicht überfordert.
Berlin an der Spitze der betroffenen Bundesländer
Um den Verfahrensstau zu bewältigen, schuf die Staatsanwaltschaft Berlin im Januar 2022 die Abteilung 279, zuständig für Rauschgiftsachen aus der EncroChat-Auswertung, die nicht der Organisierten Kriminalität im engeren Sinne zuzuordnen sind. Berlin zählt im bundesweiten Vergleich zu den besonders betroffenen Ländern: Mit 740 erfassten Fällen und hunderten Beschuldigten belegt die Hauptstadt einen Spitzenplatz. Deutschlandweit wurden im Zusammenhang mit EncroChat-Verfahren mehr als 1.700 Personen festgenommen.
„EG Büchse" identifiziert 86 Prozent der Tatverdächtigen
Die Berliner Polizeidirektion 5 richtete die Ermittlergruppe „EG Büchse" ein, zuletzt bestehend aus acht Beamtinnen und Beamten unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Nicolai Becks. Die Gruppe bearbeitete 73 Datenpakete aus dem EncroChat-Datensatz und konnte in 86 Prozent der Fälle die Tatverdächtigen identifizieren.
Mehr als 20 EncroChat-Nutzer wurden infolge dieser Ermittlungen verurteilt – zu insgesamt mehr als 100 Jahren Gefängnis. Bei Durchsuchungen stellten die Ermittler mehr als eine halbe Tonne illegale Substanzen, 1,85 Millionen Euro Bargeld, zwölf Schusswaffen sowie rund 1.100 Stück Munition sicher.
Goldbarren im Spätkauf, Drogen im Imbiss eines Freibades
Neben dem Fall Witte blieben Becks und seinen Kollegen weitere ungewöhnliche Fälle in Erinnerung. Eine Bande hatte ihre Drogen im Imbiss eines Berliner Freibades versteckt – Geld und Goldbarren lagerten in einem Spätkauf. Der Anführer dieser Gruppe wurde aufgrund der Ermittlungsergebnisse der „EG Büchse" zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
„Beweismittel wie auf einem Präsentierteller"
Ermittler Becks beschreibt den Erkenntnisgewinn durch EncroChat als grundlegenden Wandel in der Drogenermittlung. „Um die Hintermänner zu identifizieren, mussten wir uns im Bereich der Rauschgiftkriminalität oft mühevoll vom Kleindealer hocharbeiten", sagt er. „Durch die EncroChat-Daten konnten wir oft direkt bei den Großdealern ansetzen und bekamen die Beweismittel wie auf einem Präsentierteller geliefert."
Die Identifizierung der Täter hinter den Fantasienamen der EncroChat-Plattform sei dennoch eine erhebliche Herausforderung gewesen. Anfangs habe es zudem rechtliche Unsicherheit gegeben, ob die ohne Anfangsverdacht abgefangene Kommunikation überhaupt für Strafverfolgungszwecke verwertbar sei. „Wenn wir einen Fehler gemacht hätten, hätten die Gerichte die Verwertung der EncroChat-Nachrichten vielleicht ganz grundsätzlich abgelehnt", so Becks. „Es war deswegen umso wichtiger, dass wir sehr sorgfältig arbeiten."
Rund fünf Jahre nach der Entschlüsselung ist der Verfahrensstau laut Becks nun weitgehend abgearbeitet. Die „EG Büchse" wird aufgelöst – ihr Auftrag ist erfüllt.
Source: WELT