Sabotage auf Stromnetz: Polizei verstärkt Schutz kritischer Infrastruktur in SH
Nach über 160 Sabotageverdachtsfällen bundesweit erhöht Schleswig-Holstein die Polizeipräsenz an Energieanlagen. SH Netz rüstet Sicherheitsmaßnahmen deutlich auf.
Polizei und Netzbetreiber reagieren auf Angriffswelle gegen Energieanlagen
Nach mutmaßlichen Sabotageakten auf Umspannwerke in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen hat die Polizei in Schleswig-Holstein ihre Präsenz an kritischer Infrastruktur deutlich ausgebaut. Wie Google News DE — Crime (de) berichtet, untersuchten Beamte am Mittwochabend mehrere Energieanlagen mit Drohnen, darunter das Heizkraftwerk Wedel im Kreis Pinneberg. Zahlreiche Einsatzkräfte des Technischen Zugs durchsuchten zudem in langen Ketten die umliegenden Felder. Ein Polizeisprecher betonte, der Einsatz sei eine Vorsichtsmaßnahme – konkrete Hinweise auf eine Gefährdung lägen nicht vor.
Schleswig-Holsteins Innenministerin Magdalena Finke (CDU) bestätigte am Donnerstag die erhöhte Polizeipräsenz an wichtigen Punkten der kritischen Infrastruktur. „Derzeit liegen keine konkreten Gefährdungserkenntnisse in Schleswig-Holstein vor", erklärte Finke. Das Ministerium habe jedoch Kontakt mit den Betreibern aufgenommen und die Polizeidienststellen im Zuge der Vorfälle in anderen Bundesländern zusätzlich sensibilisiert.
Künftig soll jeder Vorfall an einer Einrichtung kritischer Infrastruktur auf mögliche Spionage oder Sabotage geprüft werden. Bei Bedarf ist auch ein Austausch mit dem Verfassungsschutz vorgesehen. Das Innenministerium will den Austausch mit Betreibern kritischer Infrastruktur dauerhaft intensivieren.
Netzbetreiber SH Netz verstärkt physischen und digitalen Schutz
Der Netzbetreiber Schleswig-Holstein Netz (SH Netz) mit Sitz in Quickborn (Kreis Pinneberg) hat die Sicherheitsmaßnahmen nach eigenen Angaben bereits in den vergangenen Monaten ausgebaut. Zu den dokumentierten Vorfällen zählen beschädigte Zäune und Schließanlagen sowie Cyberangriffe.
2026 hat SH Netz laut einer Unternehmenssprecherin unter anderem die Schutzzäune verbessert, personenbezogene Zugangsbeschränkungen für einzelne Standorte eingeführt und die IT-Infrastruktur durch zusätzliche Sicherheitsstufen und Überprüfungen gestärkt. Eine dreistellige Zahl von Mitarbeitenden in besonders sensiblen Unternehmensbereichen wurde zudem sicherheitsüberprüft. Ergänzend sind Sicherheitsübungen für das Personal sowie erweiterte Cyber-Sicherheitsvorkehrungen geplant.
SH Netz versorgt rund 2,8 Millionen Kundinnen und Kunden in mehr als 900 Kommunen mit Strom und Gas. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 1.600 Mitarbeitende an 30 Standorten im Land.
Im Störfall kann die Netzleitstelle Leitungen für die Dauer einer Reparatur umschalten. Zusätzlich hält SH Netz Notstromaggregate bereit, die etwa in Pflegeheimen eingesetzt werden könnten. Der Netzbetreiber kooperiert darüber hinaus mit Partnerunternehmen, die im Bedarfsfall unterstützen können. Eine vollständige Absicherung gegen Angriffe sei dennoch nicht möglich, räumte das Unternehmen ein. Ob in der Vergangenheit Informationen über konkrete Bedrohungslagen vorlagen, wollte SH Netz aus Sicherheitsgründen nicht mitteilen.
Bundesweit über 160 Sabotageverdachtsfälle und 740 Drohnensichtungen
Aus einem internen Lagebild des Bundeskriminalamts, das NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung vorliegt, geht hervor, dass bundesweit in diesem Jahr bereits mehr als 160 Sabotageverdachtsfälle registriert wurden. Hinzu kommen mehr als 740 verdächtige Drohnensichtungen. Politiker und Experten diskutieren vor diesem Hintergrund kontrovers über den Einsatz von Drohnenabwehr und den Ausbau der Videoüberwachung.
Die Rüstungsunternehmen Flensburger Shipyard (FSG) und Flensburger Fahrzeugbau-Gesellschaft (FFG) wollten sich öffentlich nicht zu dem „sensiblen Themenbereich" äußern. Der Arbeitskreis Wehrtechnik Schleswig-Holstein meldete derweil mit 10.500 Beschäftigten einen Höchststand.
Nach den Sabotageakten in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen wurden auch Werke in Hamburg und Umgebung untersucht. Die Frage nach der Sicherheit des Stromnetzes stellt sich nun auch in Mecklenburg-Vorpommern.
Source: Google News DE — Crime (de)