Prozess gegen Kinderarzt: 130 Fälle sexuellen Missbrauchs in Rathenow
Ein Kinderarzt aus dem Havelland muss sich vor Gericht wegen 130 Fällen sexuellen Missbrauchs an über 70 Patienten verantworten. Die Vorwürfe reichen über mehr als zehn Jahre zurück.

Prozess gegen Kinderarzt: 130 Fälle sexuellen Missbrauchs in Rathenow
Einem 45 Jahre alten Kinderarzt wird vorgeworfen, zwischen Dezember 2013 und November 2025 130 Fälle sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener begangen zu haben. Wie tagesspiegel.de berichtet, betreffen die Anschuldigungen mehr als 70 Opfer. Der Prozess beginnt am Montag vor dem Landgericht Potsdam.
Die mutmaßlichen Opfer sind zwischen 2 und 20 Jahren alt. Nach Angaben der Anklage sollen die Taten teilweise während des Dienstes in der Klinik in Rathenow stattgefunden haben. Eine Mutter erstattete im November des vergangenen Jahres Anzeige, nachdem ihr Kind missbraucht worden sein soll. Daraufhin begannen Ermittler, sichergestellte Datenträger auszuwerten, was die Dimension des Falls offenbarte.
Der Arzt befindet sich in Untersuchungshaft, da Wiederholungsgefahr gesehen wird. Sein Verteidiger, Ursus Koerner von Gustorf, kündigte für den Prozessauftakt eine Erklärung an. Zum Beginn wird die Anklage der Staatsanwaltschaft verlesen, wodurch die Verhandlung mehrere Stunden in Anspruch nehmen dürfte. Aus Schutzgründen für minderjährige Betroffene ist damit zu rechnen, dass zumindest in Teilen des Verfahrens die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird.
Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs sagte, die hohe Opferzahl zeige, dass es „anscheinend sehr lange gedauert hat, bis der Täter aufgeflogen ist". Im medizinischen Bereich seien Patienten besonders vulnerabel, da sie dort Hilfe suchten, aber ein Abhängigkeitsverhältnis bestehe. „Wir wissen von spezifischen Täterstrategien, zum Beispiel der Ausnutzung der ärztlichen Schweigepflicht oder der Nutzung betäubender Medikamente", erklärte Hoffmann.
Die Havelland Kliniken GmbH, in der der Kinderarzt tätig war, bezeichnete den Prozessbeginn als „wichtigen Schritt hin zu einer umfassenden und rechtsstaatlichen Aufklärung". Nach Bekanntwerden der Vorwürfe überarbeitete die Klinikgruppe ihre Kinderschutz-Mechanismen. Künftig gilt bei Untersuchungen in sensiblen Situationen das Vier-Augen-Prinzip. Eine unabhängige Kinderschutzbeauftragte wurde benannt.
Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher dürften erhebliche emotionale Belastung erleben. Elton Knöfel, der den Jugendclub Saftladen in Falkensee leitet, berichtet von grundlegenden Verunsicherungen: „Darf ich mein Kind noch umarmen oder mit ihm beim Filmabend kuscheln?" Er bietet Unterstützung für eine Selbsthilfegruppe an und fordert mehr psychologische Angebote für Betroffene.
Source: Die Zeit Kriminalität