Dieselskandal: VW-Prozesse zeigen Aufarbeitung der Manager-Verantwortung
Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Abgasschandals laufen in Braunschweig mehrere Betrugsprozesse gegen ehemalige VW-Manager parallel. Bislang wurden vier führende Köpfe schuldig gesprochen, weitere Verfahren bis 2028 geplant.

Dieselskandal: Justiz verfolgt VW-Manager durch mehrere Prozesse
Zehn Jahre nach der Enthüllung des VW-Dieselskandals im September 2015 arbeitet die Braunschweiger Justiz immer noch die strafrechtliche Verantwortung einzelner Manager auf. Laut tagesspiegel.de sind derzeit mehrere Betrugsprozesse in vollem Gange, während Europas größter Autobauer sich der öffentlichen Aufarbeitung nicht entziehen kann.
Der Skandal hatte globale Ausmaße: US-Behörden wiesen nach, dass Volkswagen Dieselfahrzeuge mit manipulierter Software ausgestattet hatte. Diese erkannte Testsituationen und reduzierte die Stickoxid-Emissionen künstlich, im Alltagsbetrieb blieben die Werte aber deutlich höher. Weltweit waren mehrere Millionen Fahrzeuge betroffen. In den USA zahlte VW über 20 Milliarden Dollar an Strafen und Entschädigungen; auch Deutschland verhängte Bußgelder in Milliardenhöhe.
Der erste größere Prozess begann im September 2021. Nach fast vier Jahren Verhandlung sprach das Landgericht Braunschweig im Frühjahr 2025 vier ehemalige VW-Führungskräfte wegen Betrugs schuldig — zwei erhielten mehrjährige Haftstrafen, zwei andere Bewährungsstrafen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig; Revision wurde eingelegt.
Der Prozess gegen den früheren Vorstandschef Martin Winterkorn begann im September 2024, wurde aber nach Winterkorns Unfall nach wenigen Verhandlungstagen unterbrochen. Er wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit vorläufig eingestellt. Winterkorn hatte jegliche Verantwortung von sich gewiesen.
Derzeit laufen zwei weitere Betrugsprozesse, die im November 2025 beziehungsweise April 2026 begannen. Ein vierter Prozess sollte im Herbst 2025 starten — konnte aber nicht zum geplanten Auftakt beginnen, weil einer der drei Angeklagten aus gesundheitlichen Gründen fehlte. Der Vorsitzende Richter lehnte die Entschuldigung ab; ein neuer Starttermin steht bevor. Von ursprünglich elf Beschuldigten in diesem Verfahren wurde gegen acht die Ermittlung nach Staatsanwaltschaftsangaben gegen Geldauflagen eingestellt, darunter ein früherer Chef der Volkswagen Group of America, der 48.500 Euro zahlte.
Ein fünfter — und wohl letzter — Prozess beginnt am 24. November in Braunschweig gegen sieben ehemalige Führungskräfte und Mitarbeiter. Für dieses Verfahren wie auch das vierte sind jeweils 150 Verhandlungstage bis Ende 2028 eingeplant. Insgesamt stehen damit zehn Angeklagte in den zwei kommenden Prozessen vor Gericht.
Den Angeklagten wird unter anderem vorgeworfen, die illegale Abschalteinrichtung mitentwickelt oder nicht gegen deren Weiterentwicklung vorgegangen zu sein. Ein brisanter Aspekt: Einem der Angeklagten wird zusätzlich uneidliche Falschaussage in einem früheren Prozess vorgeworfen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Braunschweig gibt es inzwischen 34 solcher Verfahren gegen ebenso viele Beschuldigte.
Obgleich die Vorwürfe Taten aus der Zeit zwischen November 2006 und September 2015 betreffen, drohen Haftstrafen. Volkswagen erklärt seit Jahren, nicht an den Strafverfahren beteiligt zu sein.
Helena Beron Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg, sieht über die einzelnen Angeklagten hinaus Bedeutung: „Die strafrechtlichen Verfahren ziehen das Thema Dieselskandal wieder in die öffentliche Präsenz und haben dadurch eine gewisse Signalwirkung für den Aufbau von belastbaren Compliance- und Kontrollstrukturen." Die Verfahren zeigen, wie einzelne Führungskräfte in den komplexen Entscheidungswegen eines Konzerns zur Verantwortung gezogen werden können.
In der aktuellen Transformation der Automobilindustrie, die schnelle technologische Fortschritte erfordert und unter hohem Kosten- und Margendruck steht, werde die Bedeutung funktionierender und rechtlich kontrollierbarer Entscheidungsprozesse in Autokonzernen noch größer.
Source: Die Zeit Kriminalität